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12.06.2014

11:18 Uhr

Europäischer Erfinderpreis

Der Kartograf des Gehirns

VonUlrich Kraft

Die von Wieslaw Nowinski entwickelten Gehirnatlanten haben unser Verständnis vom menschlichen Denkorgan revolutioniert. Heute helfen sie Ärzten bei der Behandlung schwerer Leiden wie Parkinson oder Schlaganfall.

Bis heute hat Wieslaw Nowinski 34 unterschiedliche Gehirnatlanten entwickelt, in denen unzählige Hirnscans zu hochauflösenden dreidimensionalen Darstellungen zusammengesetzt sind. Sie haben die Hirnkartierung revolutioniert. EPO

Bis heute hat Wieslaw Nowinski 34 unterschiedliche Gehirnatlanten entwickelt, in denen unzählige Hirnscans zu hochauflösenden dreidimensionalen Darstellungen zusammengesetzt sind. Sie haben die Hirnkartierung revolutioniert.

BerlinManchmal sind es negative Gefühle, die große Leidenschaften wecken. Wie bei Wieslaw Nowinski. Als der Soft- und Hardware-Designer vor über 20 Jahren in einem Anatomieatlas die Abbildungen des Gehirns durchblätterte, war er reichlich unglücklich mit dem, was er da sah: zu grob, zu grau, zu wenig verständlich – jedenfalls für einen medizinischen Laien wie ihn.

„Mir ging gleich durch den Kopf, dass man da viel mehr rausholen könnte“, erinnert sich Nowinski. Also fasste er einen Entschluss: „Ich nahm mir vor, die fortschrittlichsten, genauesten, schönsten und nutzbarsten Atlanten des menschlichen Gehirns zu erschaffen.“

Das ist dem Direktor des zur Agency for Science, Technology and Research (ASTAR) gehörenden Biomedical Imaging Lab in Singapur gelungen. Bis heute hat er 34 unterschiedliche Gehirnatlanten entwickelt, in denen unzählige Hirnscans zu hochauflösenden dreidimensionalen Darstellungen zusammengesetzt sind. Sie haben die Hirnkartierung revolutioniert und noch nie dagewesen Einblicke in das so komplexe Organ unter der Schädeldecke ermöglicht.

Nowinskis Atlanten werden aber nicht nur in der Forschung und für die Ausbildung von Studenten und Ärzten eingesetzt. Sie helfen auch bei der Diagnose und Therapie von Gehirnerkrankungen wie Parkinson und Schlaganfall – ein Punkt, auf den der polnische Neuroimaging-Pionier besonderen Wert legt. „Wir sind die ersten, die elektronische Gehirnatlanten in die klinische Praxis miteinbeziehen.“

Jetzt ist Wieslaw Nowinski für den Europäischen Erfinderpreis 2014 nominiert, in der Kategorie Lebenswerk. Ohne Professor Lenarczyk, einen seiner Lehrer, hätte das Leben des 60-Jährigen aber wahrscheinlich eine ganz andere Richtung genommen. Nowinski besuchte in Tomaszow Mazowiecki, seinem Geburtsort, eine Oberschule mit Schwerpunkt auf musischen Fächern. Und Musik war auch die große Liebe des jungen Wieslaw.

Doch dann betraute Professor Lenarczyk ihn mit der Verantwortung für die mathematische Bibliothek. „Ich schaute mir aufregende Bücher an, sehr viel interessantere als die regulären Unterrichtsmaterialien, stieß darin auf faszinierende Probleme, die ich zu lösen versuchte.“ Nowinskis neue Leidenschaft reichte so weit, dass er an der Mathematik- und Physik-Olympiade teilnahm. „Das war der Sieg der Wissenschaft über die Kunst“, erzählt er. „Sonst wäre ich wohl Musiker geworden.“

Nun wollte er aber lieber Computer bauen. Also entschied Nowinski sich für ein Studium am Institut für Elektronik der technischen Universität Warschau. Nach erfolgreichem Abschluss arbeite er zunächst als Soft- und Hardware-Designer in der Industrie und ging dann an die polnische Akademie der Wissenschaften in Warschau, um seinen Doktor zu machen.

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