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06.05.2015

14:31 Uhr

Europäischer Erfinderpreis

Jeder Krebs ist anders

VonSascha Karberg

Diagnose Brustkrebs: Für viele Frauen bedeutet das einen belastenden Marathon aus OP, Bestrahlung und Chemotherapie. Dank Laura van ’t Veer können sich manche Frauen heute einen Teil dieser Belastungen ersparen.

Der von der Niederländerin entwickelte Gentest ermöglicht passgenaue Therapien für Brustkrebspatientinnen. (Foto: EPA)

Laura van ’t Veer

Der von der Niederländerin entwickelte Gentest ermöglicht passgenaue Therapien für Brustkrebspatientinnen. (Foto: EPA)

BerlinPräzise gleiten die Ruder übers Wasser, synchron tauchen sie ein, kraftvolles Pullen schiebt die Bootsnase nach vorn. Seit ihrem 15. Lebensjahr rudert Laura van ’t Veer, anfangs noch über den Amsterdamer Bosbaan, inzwischen jeden Morgen gegen sechs entlang der Küste vor San Francisco. Hier lehrt die Molekularbiologin seit 2010 an der Universität von Kalifornien – seit die Holländerin weltbekannt dafür ist, einen Gentest entwickelt zu haben, der Frauen mit Brustkrebs vorhersagen kann, ob sie eine Chemotherapie brauchen oder nicht: Der „Mammaprint“-Test, für dessen Erfindung die Wissenschaftlerin nun für den Europäischen Erfinderpreis nominiert ist, den es ohne van ’t Veers Ruderleidenschaft aber vielleicht nie gegeben hätte.

Jahr für Jahr wird bei 70.000 Frauen allein in Deutschland Brustkrebs diagnostiziert. Die Standardtherapie sieht ein operatives Entfernen des Tumors vor, gefolgt von Bestrahlungen und häufig auch noch einer Chemotherapie, mit der ein Rückfall, das erneute Wuchern verbliebener Krebszellen, verhindert werden soll. Aber so sehr sich das Schicksal all dieser Frauen ähnelt, ist doch jeder Brustkrebs eine höchst individuelle Erkrankung. Denn jeder Tumor hat seine eigene biologische Entstehungsgeschichte.

Bei der einen Frau sind jene Gene mutiert, bei einer anderen laufen ganz andere Gene aus dem Ruder. Inzwischen wissen Forscher und Ärzte, dass sich diese Biologie des Tumors auch auf die Entwicklung, die Aggressivität und die Rückfallwahrscheinlichkeit der Geschwulst auswirkt. Laura van ’t Veer war eine der ersten, die versuchte, dieses Wissen so zu nutzen, dass Frauen bei der Therapie nicht mehr über einen Kamm geschoren werden, sondern die Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie individuell auf Basis der Erbgutveränderungen im Tumor einer Patientin getroffen wird.

Das Rennen um einen solchen Test begann 1993, als van ’t Veer als erste Naturwissenschaftlerin überhaupt im klinischen Teil des Niederländischen Krebsinstituts (NCI) in Amsterdam eingesetzt wurde. Die Aufgabe der neuen „Molekularpathologin“ sollte es sein, eine Brücke zu bauen zwischen der modernen molekularbiologischen Forschung und der Klinik. Sie nutzte vor allem die tiefgefrorenen Gewebeproben des Klinikums, 30.000 Biopsien von Tumoren von Patienten, über deren Krankheitsverlauf das Krankenhaus auch noch Jahre danach Buch führte.

Als van ’t Veer in dieser Zeit mal wieder übers Wasser ruderte, kam ihr die Idee, wie sie diese Gewebeproben nutzen konnte. Ein Forscherkollege aus dem Nachbarlabor an der Harvard University in Cambridge, USA, wo van ’t Veer als Postdoc geforscht hatte, war inzwischen zur Bioinformatik-Firma Rosetta nach Seattle gewechselt und hatte dort eine Technologie mitentwickelt, mit der sich auf einen Schlag zehntausende von Genen analysieren ließen, die so genannte Microarray-Technologie. „Meine Idee war, die Gene in den Krebsgewebeproben von Patientinnen zu untersuchen, von denen man wusste, ob sie in den fünf Jahren nach der Biopsie einen Rückfall hatten oder nicht“, so die Forscherin.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen René Bernards suchte van ’t Veer also 78 Brustkrebsproben aus der Gewebebank und analysierte die Gene der Krebszellen mit Hilfe der Microarray-Technik. Dabei konzentrierte sie sich darauf herauszufinden, welche von rund 22.000 menschlichen Genen im Tumor einer Brustkrebspatientin ein- und welche ausgeschaltet sind. Mit Hilfe der Bioinformatikexperten von  Rosetta identifizierten sie insgesamt 70 Gene, deren Aktivitätszustand eine Aussage darüber zulassen, ob eine Frau einen Tumor-Typ mit hoher oder geringer Rückfallwahrscheinlichkeit hat.

„Wenn die 70 Gene eingeschaltet sind, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall hoch, sind sie ausgeschaltet, ist ein Rückfall unwahrscheinlich – und also eine Chemotherapie überflüssig“, sagt van ’t Veer. Seitdem habe es eine Reihe von Validierungsstudien gegeben, die alle bestätigt hätten, dass die Analyse der 70 Gene eine solche Vorhersage erlaubt. „Das ist eine große Hilfe“, sagt van ’t Veer. Denn es gibt noch immer eine große Zahl von Frauen, die übertherapiert werden, die eine belastende Chemotherapie bekommen, obwohl sie sie nicht bräuchten.

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