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20.05.2015

10:24 Uhr

Europäischer Erfinderpreis

Produktiver Lebensretter

VonJulia Harlfinger

Über 900 Patente hat Ivars Kalvins im Laufe seines Lebens angemeldet. Alle dienten einem Ziel: Leben zu retten. Die von ihm entwickelten Medikamente helfen heute beim Kampf gegen einige der gefährlichsten Erkrankungen.

Mit über 900 Patentanmeldungen zählt der lettische Wissenschaftler zu den produktivsten Köpfen der medizinischen Biochemie.

Ivars Kalvins

Mit über 900 Patentanmeldungen zählt der lettische Wissenschaftler zu den produktivsten Köpfen der medizinischen Biochemie.

BerlinEs gibt nur wenige Erfinder, die von sich sagen können, dass ihre Entwicklungen geholfen haben, gleich ein ganzes Bündel der schlimmsten Leiden der Menschheit zu lindern. Ivars Kalvins gehört dazu. Die Liste der Krankheiten, gegen die der Biochemiker Medikamente entwickelt hat, ist beeindruckend lang – Herzinfarkt, Schlaganfall, Alzheimer und Krebs gehören dazu.

Mit 256 Erfindungen und über 900 Patenten und Patentanmeldungen ist Ivars Kalvins einer der produktivsten Wissenschaftler in der medizinischen Biochemie. Das hat dem Letten nun die Nominierung für den Europäischen Erfinderpreis in der Kategorie Lebenswerk eingebracht. Vor allem das Herzmedikament Meldonium, vermarktet unter dem Namen Mildronate, hat die Erfinderpreis-Jury zu ihrer Entscheidung bewogen. „Gut zwei Millionen Menschen werden derzeit damit behandelt“, berichtet Kalvins.

Die enorme Produktivität des Wissenschaftlers mutet umso bemerkenswerter an, wenn man bedenkt, dass er fast immer in seiner Geburtsstadt Riga gearbeitet hat. „Ich war mein halbes Leben hinter dem Eisernen Vorhang“, so der Forscher, der im Juni 68 Jahre alt wird.

Zwar konnte Kalvins 1979 als Postdoc an die Ludwig-Maximilians-Universität gehen, doch letztlich war der Preis für dieses Privileg zu hoch. Seine Ehefrau und die beiden kleinen Töchter durften nicht zu ihm nach München kommen. Der talentierte Nachwuchswissenschaftler kehrte in die Sowjetunion zurück, wo er versuchte, sich von knappen Ressourcen und politischen Widrigkeiten nicht aufhalten zu lassen – mit Erfolg.

„Wir mussten unsere Experimente schnell und mit einfachen Mitteln durchführen“, erinnert sich Kalvins, der seit den 1970er Jahren am Lettischen Institut für Organische Synthese Medikamenten-Moleküle entwickelt. Also ging es immer erst nach reiflicher Überlegung an die Herstellung der organischen Verbindungen im Labor, um diese dann rasch in Versuchstieren auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen.

Teure Screenings umgeht der Forscher

Normalerweise ist es in der pharmazeutischen Industrie üblich, abertausende Substanzen in Hochdurchsatz-Screenings zu testen und dann die besten Kandidaten Schritt für Schritt zu optimieren. Diesen Prozess, der viel Zeit und Geld verschlingt, umgeht Kalvins nach wie vor.

„Andere halten mich für verrückt. Doch ich habe schon immer so gearbeitet – nicht nur mit den Händen, sondern auch mit dem Gehirn“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Ich starte meine Projekte gut durchdacht. Und ich glaube, dass Gott mir hilft, sie auch zu beenden.“

Dies war auch sein Credo bei der Entwicklung von Mildronate. Das Medikament kommt etwa bei der Koronaren Herzkrankheit zum Einsatz oder nach einem Herzinfarkt. Bei diesen überaus häufigen Herz-Kreislauf-Leiden ist die Herzmuskulatur aufgrund von Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) nicht mehr ausreichend durchblutet. Das Gewebe wird durch toxische Abbauprodukte zunehmend geschädigt.

Mildronate richtet den Stoffwechsel der gestressten Muskelzellen neu aus. Durch den Wirkstoff wird die Bildung der Aminosäure Carnitin gehemmt und so die Oxidation von Fettsäuren unterbunden. Dadurch bleibt den Zellen mehr Sauerstoff, zudem sammeln sich weniger Abbauprodukte an. Derartig entlastet, verkraftet das Herz die Mangelversorgung besser und tankt Glukose als Energielieferant.

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