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08.06.2015

14:27 Uhr

Europäischer Erfinderpreis

Von den Augen abgelesen

VonJana Schlütter

John Elvesjö hat gelähmten Menschen ein Stück Unabhängigkeit zurückgegeben. Seine Eye-Tracking-Technologie ermöglicht Patienten, per Augenbewegung zu kommunizieren, E-Mails zu schreiben oder im Internet zu surfen.

Seine Eye-Tracking-Technologie registriert jede Bewegung der Netzhaut. Eine Software analysiert die so gewonnenen Daten in Echtzeit.

John Elvesjö

Seine Eye-Tracking-Technologie registriert jede Bewegung der Netzhaut. Eine Software analysiert die so gewonnenen Daten in Echtzeit.

BerlinEs war nur ein Augenblick, doch er veränderte alles. Das Fahrzeug, das ihn rammte, kam aus dem Nichts; es war über die rote Ampel gerast. Sein eigenes Auto überschlug sich. Kurz darauf konnte der Vater nur noch hilflos zusehen, wie seine 16 Monate alte Tochter blau anlief. Sie bekam keine Luft, konnte sich nicht rühren. Trotz des Kindersitzes war ihr Rückenmark am Hals durchtrennt.

Die kleine Faith hat überlebt. Allerdings wird sie ihr Leben lang in einem bewegungslosen Körper gefangen sein. Sie wird ständig beatmet. Nur ihre Augen verraten, dass ihr Geist völlig wach ist. Auf einem Bildschirm lässt sie eine Katze und andere Tiere auf einem Trampolin springen. Das Mädchen bewegt die Zeichentrickfiguren mit ihren Augen. Durch sie kann Faith ein Stück der Welt vom Krankenbett aus entdecken.

Mikroprojektoren am Monitor senden Nahinfrarotlicht in Richtung ihres Gesichts aus. Diese Infrarotstrahlen werden von den Augen reflektiert, optische Sensoren zeichnen das zurückgeworfene Licht auf. Eine Software mit speziellen Algorithmen interpretiert die gewonnen Daten in Echtzeit. Sie errechnet, wohin Faiths Blick gerade fällt und ob er dort hängen bleibt. Die Eye-Tracking-Technologie registriert jede Bewegung der Netzhaut. So weiß der Computer auch, ob dem Mädchen die Augen müde zufallen oder ob der Kopf sich abwendet.

Das Blickerfassungssystem von Tobii hat bereits Tausenden gelähmten Patienten mit ALS oder Zerebralparese, nach Schlaganfällen oder Unfällen geholfen, ein etwas unabhängigeres Leben zu führen. Sie können dank der Technologie selbst einen Computer benutzen, E-Mails schreiben oder Informationen im Internet suchen. Alles, was sich digital steuern lässt, können sie mit einem Blick oder einem Zwinkern bedienen. Über einen Sprachgenerator gibt das System ihnen eine Stimme.

Ein glücklicher Zufall

„Die Arbeit für Patienten hat uns inspiriert, uns viel Energie gegeben“, sagt John Elvesjö, auf dessen Entdeckung die Technologie beruht und der gemeinsam mit seinen Freunden Marten Skagö und Henrik Eskilsson die Firma Tobii gründete. „Für ihre Bedürfnisse haben wir 2004 unser erstes ausgereiftes Produkt auf den Markt gebracht. Eines, das kein Prototyp mehr war und das dringend gebraucht wurde.“ Mittlerweile ist das Unternehmen mit Sitz in Stockholm Weltmarktführer für Eye-Tracking. 650 Mitarbeiter arbeiten für Tobii, die Firma hat Büros in Deutschland, Norwegen, China und den Vereinigten Staaten. Geführt wird sie noch immer von den drei Freunden.

Die Liste der Anwendungen geht längst weit über Assistenzsysteme für Kranke hinaus. Elvesjö würde die Eye-Tracker am liebsten in jeden Computer oder Laptop, in Mobiltelefone und Autos einbauen. „Die Technologie kann große Teile der Gesellschaft beeinflussen“, bestätigt Benoit Battistelli, der Präsident des Europäischen Patentamts. Es ermögliche neue Arten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine. John Elvesjö und Marten Skagö, die beide bei Tobii für Forschung und Entwicklung verantwortlich sind, sind deshalb in der Kategorie Kleine und Mittlere Unternehmen für den Europäischen Erfinderpreis nominiert. Das Europäische Patentamt verleiht den Preis am 11. Juni in Paris.

Von all dem ahnte John Elvesjö nichts, als er Anfang 2000 mitten in der Nacht in einem Labor des Königlichen Instituts für Technologie in Stockholm stand. Der Student der Physik und Ingenieurswissenschaft interessierte sich für optische Sensoren. In seinen Experimenten wollte der damals 22-Jährige zeigen, wie gut sie die Bewegung von kleinen Partikeln oder Fasern in Flüssigkeiten aufzeichnen und welche Rückschlüsse man daraus ziehen kann. Dann drehte er einen der Sensoren versehentlich um, das Gerät erfasste nun den Blick des Physikers. „Das war ein glücklicher Zufall“, sagt Elvesjö heute. Seine Neugier und sein Ehrgeiz waren sofort geweckt.

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