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18.01.2007

12:12 Uhr

Fundamentale Geschlechtsunterschiede

Frauenherzen schlagen anders

VonHeike Stüvel

Frauen und Männer sind verschieden - das allein ist keine Neuigkeit. Neue medizinische Erkenntnisse beim Vergleich der Geschlechter zeigen aber gravierende Unterschiede. Das Verkennen von Herzinfarkten ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Insgeheim sind die Frauen sogar das starke Geschlecht.

DÜSSELDORF. Elke Schneider ist seit Tagen bis zum Erbrechen übel, ihr bricht immer wieder der Schweiß aus. Hinzu kommen unerträgliche Rückenschmerzen. Sie ist erst 42 Jahre alt - und hat einen Herzinfarkt. Wie kann das sein? Herzkrank sind doch alte Männer, mit ganz anderen Symptomen beim Infarkt: Schmerz in der linken Brust, der von dort in Oberarme, Schultern und Hals ausstrahlt.

"O wie so trügerisch sind Weiberherzen", klagt der Herzog in Verdis Oper "Rigoletto". Der Ausspruch könnte von einem Kardiologen stammen. Eine aktuelle Studie mehrerer deutscher Kliniken fand heraus, dass ein Belastungs-EKG (Elektrokardiogramm) bei 72 Prozent der Männer, aber nur bei 46 Prozent der Frauen zuverlässige Ergebnisse liefert, ob die Herzkranzgefäße verengt sind und ein Infarktrisiko besteht.

Da ein männliches Bild des klassischen Herzinfarktpatienten vorherrscht und bei Frauen die bekannten Anzeichen fehlen, unterschätzen nicht nur Betroffene die Gefahr. Auch Ärzte verbinden die Symptome oft nicht mit einem Infarkt. "Symptome werden verharmlost oder auch psychosomatisch interpretiert, während bei Männern eine apparative Abklärung der Beschwerden eher zügiger durchgeführt wird", sagt Thomas Ruprecht von der Techniker Krankenkasse. Die Folge: Weil Frauen durchschnittlich eine Stunde später in der Klinik eintreffen, sterben in den ersten 30 Tagen nach einem akuten Infarkt doppelt so viel weibliche wie männliche Patienten.

Auch die Empfindlichkeit für Medikamente kann bei Frauen und Männern verschieden sein: Frauen erleiden eher unerwünschte Arzneimittelwirkungen, so Ruprecht. Als Beispiel nennt er Digitalis-Wirkstoffe gegen Herzkrankheiten, die bei Frauen oft überdosiert werden. Die nachträgliche Auswertung einer Studie zur Therapie mit Digitalis bei Frauen zeige, dass sich die Sterberate bei ihnen eher erhöht.

Die Risikofaktoren für einen Herzinfarkt (falsche Ernährung, Rauchen, Übergewicht, Zuckerkrankheit, Bewegungsmangel) sind für beide Geschlechter gleich, betonen Experten in der Studie "Gesundheit von Frauen und Männern im mittleren Lebensalter" des Robert-Koch-Instituts. Aber die Gewichtung ist verschieden: So erhöht ein Diabetes mellitus ("Zuckerkrankheit") bei Frauen das Risiko für koronare Herzerkrankungen um das Vier- bis Sechsfache, bei Männern verdoppelt es sich nur. Auch Rauchen wirkt sich für Frauen viel schädlicher aus als für Männer. Umso mehr, wenn Raucherinnen die Antibabypille einnehmen.

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