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06.09.2016

12:59 Uhr

Hirnerkrankung durch schlechte Luft

Macht Feinstaub uns anfällig für Alzheimer?

VonJan Osterkamp
Quelle:Spektrum.de

Schlechte Luft ist möglicherweise noch gesundheitsschädlicher als bislang vermutet. Eine neue Studie legt nahe, dass winzige Feinstaubpartikel direkt ins Hirn gelangen und dort vielleicht sogar Alzheimer verursachen.

Feinstaub aus Autoabgasen und anderen Brandherden ist offenbar noch schädlicher als bislang vermutet. dpa

Luftverschmutzung macht krank

Feinstaub aus Autoabgasen und anderen Brandherden ist offenbar noch schädlicher als bislang vermutet.

HeidelbergFeinstaub aus Bränden, Auto- oder Industrieabgasen gefährdet die Gesundheit: Er fördert Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und möglicherweise auch psychische und neurodegenerative Erkrankungen. Forscher vermuten schon länger, dass eingeatmete Feinstaubpartikel auch ins Hirngewebe eindringen – was Barbara Maher von der Lancaster University nun bestätigt sieht: Die Wissenschaftlerin entdeckte im Hirngewebe von 37 Verstorbenen charakteristische magnetische Nanopartikel, die ihrer Ansicht nach eindeutig auf Feinstaubbelastung aus der Umwelt zurückzuführen sind.

Die Magnetitpartikel sind rundlich und deutlich kleiner als die seit einigen Jahrzehnten bekannten Nanopartikel, die im Gehirn vom Körper selbst gebildet werden. Zudem weisen sie Oberflächenstrukturen auf, die darauf hindeuten, dass sie beim Auskühlen nach großer Hitze – wie etwa der in Verbrennungsmotoren – kristallisierten. Sie ähneln damit stark typischen Feinstaub-Aerosolen, die bei hohem Verkehrsaufkommen in Städten vermehrt in Luftanalysen auffallen.

Das ist Alzheimer

Die Entdeckung

1906 hat der Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer zum ersten Mal die Krankheit beschrieben, die heute unter dem Namen Alzheimer bekannt ist.

Die erste Patientin

In der Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische in Frankfurt trifft Alois Alzheimer auf die Patientin Auguste Deter die gesund erscheint, allerdings an einer seltsamen Form von Gedächtnisverlust leidet. Alzheimer dokumentiert seine Gespräche mit der Patientin. Nach ihrem Tod untersucht er ihr Gehirn und stellt einen massiven Zellschwund und ungewöhnliche Ablagerungen fest.

Bekannte Alzheimer-Patienten

In den folgenden Jahren werden immer mehr Fälle der Krankheit entdeckt, außerdem wird sie im Lehrbuch Klinische Psychiatrie als Alzheimer-Krankheit aufgenommen. Zu den bekanntesten Erkrankten gehören der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer, die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher und der „Columbo“-Schauspieler Peter Falk.

Symptome der Erkrankung

Die Symptome der Alzheimer-Krankheit treten nicht bei jeden Patienten in gleicher Weise aus. Störungen des Gedächtnisses, des Denkvermögens, der Sprache, der örtlichen und zeitlichen Orientierung oder Probleme bei der Handhabung von alltäglichen Dingen können Anzeichen dafür sein, dass eine Erkrankung vorliegt.

Krankheitsverlauf

Die Alzheimer-Krankheit entwickelt sich langsam, im Krankheitsverlauf wechseln sich stabile Phasen mit Perioden der Verschlechterung ab. Außerdem schreitet sie nicht bei jedem Patienten in gleicher Weise voran.

Frühes Stadium

In der ersten Phase der Erkrankung leidet besonders das Kurzzeitgedächtnis. Der Alzheimerkranke vergisst Namen oder hat Mühe, einem Gespräch zu folgen. Fremdwörter bereiten ihm Schwierigkeiten und er hat Probleme damit, sich klar auszudrücken.

Mittleres Stadium

In der zweiten Phase wird die Erkrankung offensichtlicher. Die Patienten können ihren Alltag nur noch mit Unterstützung bewältigen. Die Symptome des frühen Stadiums schreiten weiter voran, auch das Langzeitgedächtnis leidet nun.

Spätes Stadium

In der letzten Phase der Erkrankung sind die Patienten vollständig pflegebedürftig. Ihr Gedächtnis ist nicht mehr in der Lage, neue Informationen zu speichern. Sie drücken sich nur noch mit wenigen Worten aus und erkennen auch ihre Angehörigen oft nicht mehr.

Mit ihrer geringen Größe von teilweise deutlich unter 200 Nanometer Durchmesser würden solche Magnetit-Kügelchen nicht in der feinmaschigen Blut-Hirn-Schranke hängen bleiben, die die Kapillaren des Blutgefäßsystems im Kopf vom Hirngewebe abschottet. Eingeatmete Ultrafeinstaubpartikel könnten deshalb durchaus aus der Lunge über das Blut ins Hirn gelangen. Zudem legen Tierversuche nahe, dass solche sehr kleinen Nanopartikel vielleicht auch den direkten Weg aus der Nasenschleimhaut in den Riechkolben des Gehirns nehmen.

Die winzigen Magnetit-Fremdkörper im Gewebe könnten unvorhersehbare Schäden hervorrufen. Dies beunruhigt auch Mahers Team: Die Forscher vermuten, dass an den Nanopartikeln vermehrt Sauerstoffradikale anfallen, was womöglich neurodegenerativen Krankheiten wie der Alzheimerdemenz Vorschub leistet. Tatsächlich gibt es erste Hinweise darauf, dass eine größere Menge von Magnetitpartikeln im Gehirn mit häufigerem Auftreten der Alzheimerkrankheit einhergeht.

Der Zusammenhang zwischen einer höheren Feinstaubbelastung und dem vermehrten Vorkommen von Alzheimer bleibt allerdings auch nach der Studie von Maher und ihren Kollegen noch spekulativ, kommentiert Wolfgang Kreyling, der als wissenschaftlicher Experte das Münchener Helmholtz-Zentrum berät. Zwar wiesen die Forscher in den Gehirnproben Magnetit-Nanopartikel nach, die gut aus Umweltfeinstaub stammen und sich auch eignen könnten, neurodegenerative Schäden wie bei der Alzheimererkrankung hervorzurufen. Eine lückenlose Beweiskette für dieses Szenario steht aber noch aus, so Kreyling.

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