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25.04.2012

11:49 Uhr

Infektionsbiologe Dirk Werber

„Uns fehlt bei Ehec die Information“

Vor rund einem Jahr begann die Ehec-Epidemie, die in Deutschland 53 Menschen das Leben kostete. Dirk Werber, Infektionsbiologe am Berliner Robert Koch-Institut, erklärt, wie sich Epidemien schneller erkennen lassen.

Eine Laborantin am Robert-Koch-Institut vergleicht Ehec-Kolonien. Vor einem Jahr ist die Ehec-Epidemie in Deutschland ausgebrochen. dpa

Eine Laborantin am Robert-Koch-Institut vergleicht Ehec-Kolonien. Vor einem Jahr ist die Ehec-Epidemie in Deutschland ausgebrochen.

Frage: Seit August 2011 gab es nachweislich mehrere Todesfälle durch den Ehec-Erreger. Bestand ein Zusammenhang zur Epidemie?

Dirk Werber: Nein. Wir haben keinen Hinweis darauf, dass Todesfälle nach dem Ende der großen Ehec-O104-Epidemie mit diesem Ausbruchsgeschehen in Verbindung stehen. In der Meldekategorie Ehec verzeichneten wir seitdem fünf Todesfälle, davon zwei im Jahr 2012. Betroffen waren nur Erwachsene. In einem Fall konnte Ehec der Serogruppe O91 nachgewiesen werden. In der Meldekategorie HUS gab es drei Todesfälle, davon zwei in 2012. Betroffen waren zwei Kinder und ein Erwachsener. Bei einem Kind konnten Ehec der Serogruppe O157 nachgewiesen werden.

Sie wissen also gar nicht immer, welcher Ehec-Stamm hinter einem Krankheits- oder Todesfall steckt?

Da liegt das Grundproblem. Die Diagnostik wird nicht immer so weit durchgeführt, wie wir Epidemiologen das gerne hätten. Selbst bei den Fällen, die wir dem Ausbruch zurechnen, haben wir nur bei einem Viertel wirklich den Nachweis über den Ausbruchsstamm O104.

Drei Fragen an eine Ehec-Patientin

Wie haben Sie den Ausbruch von Ehec erlebt?

„Ich bekam bei der Arbeit Bauchweh und blutigen Durchfall. Mir war schlecht, ich dachte, ich hätte etwas Falsches gegessen. Ich hatte tagelang schlimme Bauchkrämpfe, konnte nicht mehr aufstehen. Schließlich kam ich ins Krankenhaus, hatte ein akutes Nierenversagen. Ich konnte nicht mehr rechnen, nicht mehr richtig sprechen, habe zwölf Kilo Wasser eingelagert, konnte nur schwer etwas essen, fühlte mich so schwach. Es wurde bei mir eine Blutwäsche angeordnet. Wirklich geholfen hat mir aber die neue Antikörpertherapie mit Eculizumab. Ich nehme an einer Studie zu deren Wirkung teil.“

Was fanden Sie besonders belastend?

„Keiner konnte einen ohne Schutzkleidung und Handschuhe anfassen, das war eine sehr unangenehme Situation. Man hat immer die Nähe von anderen Menschen gesucht, durfte aber niemanden berühren - das war schlimm für mich. Jeder hatte natürlich Angst, krank zu werden. Eine große Stütze waren in dieser schweren Zeit die Ärzte und das Pflegepersonal im UKE, denen ich allen sehr dankbar bin.“

Denken Sie noch oft an die Zeit zurück?

„Ich war krank, wollte unbedingt gesund werden. Als es soweit war, war es ein schönes Gefühl, wieder man selbst zu sein. Kaum war ich aus dem Krankenhaus, kam der Alltag wieder. Ich bin selbstständig, da musste ich schnell normal weitermachen. Ich hatte gar keine Zeit, mir über meine Ehec-Erkrankung große Gedanken zu machen. Ich denke eigentlich nur noch daran, wenn ich zur Nachuntersuchung ins Krankenhaus muss. Ich bin zum Glück wieder gesund, habe keine Langzeitschäden zurückbehalten. Ich will mich nicht als Opfer sehen und sage deshalb: Vorbei ist vorbei.“

Woran liegt das?

Um Hinweise auf eine Ehec-Infektion zu erhalten, muss ein Labor nicht notwendigerweise eine Kultur isolieren und die Serogruppe bestimmen - das ist zum Beispiel dieses O104. Also wird sie nicht immer bestimmt, obwohl die Krankenkassen das vergüten würden. Viele Labore testen auf das Toxin oder das Toxin-Gen, das den Ehec-Erreger charakterisiert. Wenn das nachgewiesen ist, sagen sie: Nun wissen wir ja, dass da Ehec drin ist. Sie isolieren nicht noch extra den Stamm, was auch gar nicht so einfach ist, und bestimmen auch nicht die Serogruppe. Deswegen ist es für uns in solchen Fällen relativ schwierig zuzuordnen, ob ein Fall zu einem Ausbruch gehört oder nicht. Uns fehlt häufig die nötige mikrobiologische Information.

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