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22.05.2014

10:34 Uhr

Interview mit US-Wissenschaftlerin

Hirnforschung wird „aufregenden Fortschritt“ bringen

Die deutschstämmige US-Wissenschaftlerin Cori Bargmann leitet die millionenschwere Gehirn-Initiative von US-Präsident Obama. Das Ziel: Die Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen und Krankheiten wie Alzheimer zu heilen.

Gehirn des Menschen: Milliarden von Nervenzellen mit Billionen von Verbindungen. dpa

Gehirn des Menschen: Milliarden von Nervenzellen mit Billionen von Verbindungen.

Das Projekt ist millionenschwer, höchst komplex und auf eine lange Zeit angelegt: US-Präsident Barack Obama will das menschliche Gehirn kartieren lassen. Als Leiterin der Initiative hat er die deutschstämmige Cori Bargmann ausgesucht, die als eine der erfolgreichsten Forscherinnen des Landes gilt. Das Projekt sei wahrscheinlich viel komplizierter als die „Apollo“-Mond-Mission, sagte Bargmann im Interview.

Warum wollen Sie und Ihre Kollegen das menschliche Gehirn kartieren?
Cori Bargmann: Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste und der, der mich wirklich motiviert, ist wissenschaftlich. Wir sind Menschen, wir haben Fähigkeiten, die kein Tier hat, und ich kann mir nichts Aufregenderes vorstellen, als das menschliche Gehirn zu verstehen. Das zu verstehen, bedeutet zu verstehen, wer wir wirklich sind. Der zweite Grund ist Gesundheit. Einer von drei Menschen auf der Welt wird zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben an einer schrecklichen Krankheit leiden, die mit einer Störung des Gehirns zu tun hat - wie Parkinson, Depression, Autismus und andere. Es ist also sehr wichtig, diese Gehirnstörungen anzugehen und herauszufinden, wie wir sie behandeln und verhindern können.

Wissenschaftlerin Cori Bargmann: Viele Vorschusslorbeeren für ihr Hirnforschungs-Projekt. dpa

Wissenschaftlerin Cori Bargmann: Viele Vorschusslorbeeren für ihr Hirnforschungs-Projekt.

Scheint es aus heutiger Sicht nicht unmöglich, das menschliche Gehirn zu kartieren?
Das menschliche Gehirn hat Milliarden von Nervenzellen mit Billionen von Verbindungen. Und der rasche Fluss von Informationen dadurch macht es möglich, dass wir zum Beispiel wahrnehmen, fühlen oder eine Entscheidung treffen. In der Vergangenheit konnten wir nur individuelle Nervenzellen oder die Gesamtaktivität des Gehirns analysieren. Aber in den vergangenen Jahren hat es so grundlegende Veränderungen in der Technologie gegeben, die es nun möglich machen, sich einen Weg vorzustellen, an dessen Ende wir die Funktionsweise des Gehirns wirklich verstehen und seine Aktivität nicht statisch, sondern wie eine Art Google Maps mit fließendem Verkehr zu verfolgen. Wir können jetzt zum Beispiel viele Nervenzellen auf einmal beobachten oder einzelne Zellen anregen. Und dann gibt es noch die unglaublichen Fortschritte in der Computertechnologie.

Könnte es dann eines Tages eine App geben, mit der ich die Aktivität meines eigenen Gehirns verfolgen kann?
Ja, ich glaube eines Tages wird es eine Art App geben, die einem hilft, die Aktivität in seinem Gehirn zu verstehen. Das könnte zum Beispiel sehr hilfreich für jemanden sein, der einen Schlaganfall bekommt. Die App könnte ihn, weil sie Veränderungen in der Aktivität wahrnimmt, vorher warnen und daran erinnern, seine Medikamente zu nehmen und sich ins Krankenhaus zu begeben.

Wie würde die App das messen?
Bislang ist das nur Spekulation. Es gibt schon eine Art Stirnband, das die Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche messen kann. Aber zukünftig könnten gefährdete Patienten möglicherweise auch etwas in ihr Gehirn implantiert bekommen, das die Aktivität misst. Das wäre natürlich ein sehr komplexes Gerät, das eine Gehirnoperation voraussetzen würde. Das würde man nicht einfach so einsetzen, sondern nur bei sehr schweren Krankheiten.

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