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24.05.2011

20:22 Uhr

Interview zu Darmbakterien

"EHEC wird uns nicht über Wochen verfolgen"

ExklusivSchwere Durchfallerkrankungen häufen sich, erste Todesfälle werden darauf zurückgeführt. Im Interview erklärt der Biologe Professor Siegfried Scherer, ob die Sorge um eine Epidemie berechtigt ist.

EHEC-Bakterien unter einem Elektronenmikroskop Quelle: dpa

EHEC-Bakterien unter einem Elektronenmikroskop

Herr Professor Scherer, was ist gerade los in Deutschland: Offenbar breiten sich schwere Durchfallerkrankungen aus, für die EHEC-Bakterien verantwortlich sind. Erste Todesfälle werden darauf zurückgeführt. Ist die Sorge um eine Epidemie berechtigt oder erfahren wir gerade einen medialen Hype?

Es ist beides. Zunächst einmal haben wir tatsächlich eine ganz klare Häufung von Fällen mit diesen Darmkeimen an verschiedenen Orten. Soweit ich es verfolgen kann, kommen immer neue hinzu. Das ist eine zeitliche Häufung, die außergewöhnlich ist und da ist etwas los. Das ist gar keine Frage. Da ist irgendwo eine Infektionsquelle, die wir noch nicht kennen und von daher haben wir einen aktuellen Befund. Ob man schon von einer Epidemie sprechen kann, weiß ich nicht. Ich würde es zunächst aus Ausbruch bezeichnen und dazu dann kommt natürlich der Medienhype, der sich an so etwas dranhängt. Das ist ganz klar. Aber da geht im Augenblick ernsthaft etwas ab.

Prof. Dr. Siegfried Scherer ist Leiter des Lehrstuhls für Mikrobielle Ökologie an der Technischen Universität München. Quelle: PR

Prof. Dr. Siegfried Scherer ist Leiter des Lehrstuhls für Mikrobielle Ökologie an der Technischen Universität München.

Wieso sind Sie vorsichtig beim Begriff Epidemie? Bedeutet Epidemie nicht, dass eine Infektionskrankheit zeitlich und an einem Ort gehäuft vorkommt?

Die Frage ist, wann man davon spricht. Es ist im allgemeinen Verständnis der Bürger immer so ein entsetzliches Wort. Ich würde von einer Epidemie nur sprechen, wenn wir über längere Zeit viele Ausbrüche haben. Im Augenblick sind es ein paar Ausbrüche, von denen wir nicht wissen, wie sie zusammenhängen. Da muss man jetzt die Stämme typisieren, die dort entdeckt worden sind und dann muss man sehen, ob alle Fälle tatsächlich auf eine Quelle zurück gehen. Das muss man aber erst noch sehen.

Erstes Todesopfer durch EHEC-Darminfektion

Video: Erstes Todesopfer durch EHEC-Darminfektion

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Sie kennen sich mit den Übertragungswegen aus. Was würden Sie als mögliche Infektionsquelle ansehen? Einige sprechen von rohem Gemüse, viele haben Angst vor einer Ansteckung von Mensch zu Mensch. Könnte es auch das Trinkwasser sein, das die Menschen krank gemacht hat?

Im allerübelsten Fall kann es schon einmal das Trinkwasser sein, das Darmbakterien überträgt. Das halte ich aber für sehr sehr unwahrscheinlich, denn unsere Trinkwasseraufbereitung ist sehr gut. Dass die Trinkwasseraufbereitung an verschiedenen Orten jetzt plötzlich EHEC-Bakterien enthält, halte ich für beliebig unwahrscheinlich. Klassischerweise werden Übertragungen des EHEC-Bakteriums Fleischprodukten zugerechnet, manchmal auch Milch. EHEC-Bakterien kommen nämlich im Rinderdarm vor. Dort sind sie sogar häufig und werden daher auch klassischerweise durch nicht gegartes Hackfleisch übertragen. In den letzten Jahren hat man aber auch zunehmend Befunde, dass EHEC-Bakterien über pflanzliche Lebensmittel übertragen werden. Die mit 6000 Fällen größte Epidemie, die wir mit EHEC-Bakterien je hatten, wurde von pflanzlichen Lebensmittel  in Japan hervorgerufen. Damals waren Sprossen für die Erkrankungen verantwortlich. Das ist aber schon einige Jahre her.


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