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03.01.2007

12:13 Uhr

Jahr der Geisteswissenschaften

„Wäre ich nur Asset-Manager geworden!“

VonMichael Hanssler

2007 ist das Jahr der Geisteswissenschaften. Damit steht zum ersten Mal in der Reihe der Wissenschaftsjahre keine naturwissenschaftliche Disziplin im Vordergrund. Auch die Wirtschaft beginnt sich langsam deren Bedeutung bewusst zu werden.

DÜSSELDORF. 2007 ist das Jahr des Delfins. Es ist aber auch das Jahr der Geisteswissenschaften. Wäre ich nur Asset-Manager geworden! Kurz und bündig könnte ich erklären, warum ich Frau Schavans Initiative zur Förderung der Geisteswissenschaften ebenso ignorieren werde wie den Kampf um die letzten Baijis. Für diese chinesischen Flussdelfine habe ich nämlich keine Zeit. Genauso wenig wie für die bedauernswerten Geisteswissenschaftler in ihren modrigen Unis und verrauchten Taxizentralen. Denn Zeit ist bekanntlich Geld.

Fokussiert auf mein Kerngeschäft, habe ich schon die Jahre des "Litauischen Buches", der "Mobilität der Arbeitnehmer" und das schwierige Jahr der Heuschrecken überstanden. Und jetzt das Jahr der Geisteswissenschaften! Klar, man braucht sie, die kleinen Fächer mit den skurrilen Namen. Doch "hard facts" zu neuen Wachstumsmärkten, Renditezielen oder ökonomischen Frühindikatoren werde ich von Numismatikern und Papyrologen wohl niemals erhalten. Mergerpotenzial hingegen sehe ich: Warum nicht die Tibetologie mit der Turkologie zusammenführen? Und dazu noch die Sinologen und die Japanologen? Ist ja alles Asien, spart Geld und fällt nicht weiter auf.

Wenn wenigstens die Geisteswissenschaftler selbst ihr Jahr mit etwas mehr Würde und Elan begingen! Doch was schreiben Indologen, Sprach- und Islamwissenschaftler in Heft 12 der Deutschen Universitätszeitschrift: "Grundsätzliche, strukturelle Probleme" seien durch Themenjahre nicht zu lösen und Kulturen und Interessen der geisteswissenschaftlichen Fächer schlicht zu unterschiedlich, "als dass fächerübergreifende Initiativen denkbar wären". Oh tiefes, deutsches Jammertal!

Doch ein mutiger Philosoph aus Tübingen weist den Weg: Von der "Faszination geisteswissenschaftlicher Forschungen" ist die Rede, von deren "Verständnis für kulturelle Konflikte". Klingt nicht schlecht - hat jedoch für mich als Zahlenmensch zu wenig echten Impact. Dass mich letztens in New York mein ehemaliger Kollege von Goldman vom Wert der Geisteswissenschaften in der kalten Welt globaler Orientierungslosigkeit zu überzeugen suchte, gibt mir aber zu denken.

Schlagzeilen einer verkehrten Welt selbst in meinem Metier: 200 Millionen Euro von Kaffeechef Klaus Jacobs für die Internationale Universität in Bremen. 80 Millionen Euro von der Greve-Stiftung für die geisteswissenschaftliche Fakultät der Uni Hamburg. Immer mehr Stiftungsgelder aus IT und Biotech - und das ganze Geld tatsächlich zweckgebunden für die Geisteswissenschaften? Dax-Unternehmen im Kampf gegen den "clash of civilizations"? Banker als Denker? Verpasse ich gerade einen Trend? Sollte ich mich mit diesem Themenjahr tatsächlich doch befassen wollen? Investieren, spenden, stiften? Unser Finanzminister nimmt gerade eine mutige Reform des Spendenrechts in Angriff. Chapeau! Das beeindruckt ohne jede Ironie. Hätte es doch nur gereicht zum Asset-Manager! Ich dächte lange nach über den Sinn des Seins. Und träumte vom eigenen Engagement in diesem tollen Jahr - des Delfins und der Geisteswissenschaften.

Michael Hanssler ist Vorstand der Gerda Henkel Stiftung.

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