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05.01.2014

09:53 Uhr

Koma

Körper im Überlebensmodus

VonSascha Karberg

Etwa 40.000 Menschen fallen in Deutschland pro Jahr in ein Koma. Doch wie bewusst erleben Koma-Patienten ihren Zustand? Mit neuen Methoden versuchen Mediziner, die Geheimnisse des „tiefen Schlafs“ zu enträtseln.

Koma heißt im Griechischen tiefer Schlaf - wie viel kriegen die Schlafenden mit? Getty Images

Koma heißt im Griechischen tiefer Schlaf - wie viel kriegen die Schlafenden mit?

BerlinVor acht Jahren fiel der ehemalige Ministerpräsident Israels, Ariel Sharon, nach einem Schlaganfall ins Koma. Im Januar 2013 konnten die Ärzte bei dem inzwischen 85-Jährigen zwar vermehrte Hirntätigkeit feststellen und hofften noch auf ein Aufwachen. Doch nun scheinen die Organe des Politikers zu versagen.

Zur gleichen Zeit liegt in einem französischen Krankenhaus der siebenmalige Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher mit schweren Kopfverletzungen nach einem Skiunfall in einem künstlichen, mit Narkosemitteln herbeigeführten Koma. Beide Fälle offenbaren, wie wenig Forscher und Ärzte bislang über jenen Zustand zwischen Leben und Tod, den „tiefen Schlaf“ (so die Bedeutung des griechischen Wortes „Koma“) wissen. Doch da dank der modernen Intensivmedizin immer mehr Patienten, die nach Unfällen oder Krankheit ins Koma fallen, am Leben erhalten werden können und so die Chance bekommen, wieder aufzuwachen, lernen die Forscher inzwischen dazu.

Komaforschung

1999

1999 wacht der französische Wachkoma-Patient Louis Viljoen mit Hilfe des zufällig verabreichten Schlafmittels Zolpidem für mehrere Stunden auf.

2005

Mit Tiefenhirnstimulation erreicht der japanische Arzt Takamitsu Yamamoto erstmals Verbesserungen des Bewusstseinszustands bei Komapatienten.

2006

Der britische Arzt Adrian Owen (Universität Cambridge) entdeckt mit Hilfe des funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT), dass Komapatienten auf Ansprache von außen mit Hirnaktivitäten reagieren können.

2010

Owen kommuniziert per fMRT mit einer Patientin.

Etwa 40.000 Menschen fallen in Deutschland pro Jahr in ein Koma, das länger als eine Woche dauert. Anhand des Stoffwechsels im Gehirn versuchen Ärzte zu ermitteln, in welchem Bewusstseinszustand sich ein Komapatient befindet. Dazu wird dem Patienten radioaktiv markierte Glukose gespritzt, die mit einem bildgebenden Verfahren, der sogenannten Positronenemissionstomographie (PET), nachgewiesen werden kann. Je weniger radioaktive Glukose das PET im Hirn findet, umso weniger aktiv und umso komatöser ist das Hirn – bis hin zum Hirntod, wo auf PET-Bildern keine Aufnahme von Blutzucker mehr zu erkennen ist.

Deutlich zu unterscheiden vom PET-Bild eines gesunden Menschen sind Koma-Patienten im sogenannten Wachkoma, auch „vegetativer Zustand“ oder „appallisches Syndrom“ genannt. Ihr Gehirn hat einen deutlich reduzierten Zuckerstoffwechsel, ist aber noch soweit intakt, dass die Patienten die Augen öffnen können und „wach“ sind. Doch sie können nicht auf Ansprache oder Vorgänge in ihrer Umgebung reagieren.
Können Patienten eigenständig atmen und auf Schmerz reagieren, sprechen Mediziner vom „minimalen Bewusstseinszustand minus“.

Wenn sie darüber hinaus auch auf Ansprache des Arztes in gewissem Umfang reagieren können, ist der Komapatient im „minimalen Bewusstseinszustand plus“. Patienten mit sogenanntem Locked-In-Syndrom sind im PET nicht mehr von gesunden zu unterscheiden und scheinen auch ein intaktes Bewusstsein zu haben. Doch da sie körperlich gelähmt bleiben, können sie weder durch Sprache noch durch Gesten Kontakt mit ihrer Umwelt aufnehmen.

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