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05.01.2010

07:28 Uhr

Konsumforschung

Ich shoppe, also bin ich

VonFerdinand Knauß

Ihren letzten Höhepunkt erlebte die Konsumkritik mit der Protestbewegung der 1968er. Heute ist die Kritik weitgehend verstummt, auch deutsche Historiker interessieren sich für die Geschichte der Waren – und das inzwischen weitgehend ohne kritischen Unterton.

Der Konsum und nicht die Arbeit definiert heute das Selbstbild vieler Bürger. Warum Einkaufen (eingebildete) Individualität ermöglicht. ap

Der Konsum und nicht die Arbeit definiert heute das Selbstbild vieler Bürger. Warum Einkaufen (eingebildete) Individualität ermöglicht.

DÜSSELDORF. Der Konsument hat es nicht leicht. „In“ soll das Gekaufte sein, aber nicht jeder andere soll es haben. Dazugehören will er und sich gleichzeitig abheben von den anderen. In diesem Spannungsfeld, das wissen Psychologen, bilden und verändern sich Identität und Individualität. Die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ geben in modernen westlichen Gesellschaften die Menschen in immer stärkerem Maße durch ihren Konsum.

Der „Konsumbürger“, den der Berliner Historiker Michael Wildt als dominierenden Sozialtypus der Gegenwart vorstellt, unterscheidet sich radikal vom Bildungs- und Erwerbsbürger früherer Zeiten: Nicht selbstständige Produktion von Waren oder der Erwerb von Bildung durch Wissenschaft und Kunst sind die Quelle seines Selbstverständnisses und Stolzes, sondern „das Vermögen, mit einer allgegenwärtigen Warenwelt umzugehen, in ihr einen sozialen Ort wie eine individuelle Identität zu finden“.

Konsum statt Arbeit

Der Augsburger Historiker Andreas Wirsching bietet für den Siegeszug dieser konsumorientierten Individualitätsvorstellung in einem Aufsatz („Konsum statt Arbeit?“) in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“ eine Erklärung. Über Jahrhunderte war die Konstruktion der Individualität untrennbar mit der Arbeit des Einzelnen verbunden. Für den Handwerker oder Unternehmer des 19. Jahrhunderts war die wirtschaftliche Unabhängigkeit Quelle seines Bürgerstolzes und seiner Würde als individueller Produzent. „Le métier fait l’homme“ („Der Beruf macht den Mann“), sagte man früher in Frankreich.

Dieses Ethos der individualisierten Arbeit hat sich tief in die europäische Geschichte eingeschrieben und ist sicher auch heute noch nicht tot. Allerdings ist es nicht mehr dominant, denn, so Wirsching: „In dem Maße, in dem die gewaltigen Produktivitätssteigerungen des 20. Jahrhunderts Arbeitszeitverkürzungen bei gleichzeitiger Konsumsteigerung erlaubten, verlor die Arbeit an Bedeutung für die Konstruktion von Individualität.“ In der Werkhalle und im Büro unterscheiden sich die Tätigkeiten kaum voneinander. Arbeit wurde zur Einheitsware, die den Aufbau einer individuellen Identität kaum erlaubte. Mit wachsender Freizeit und Kaufkraft bei gleichzeitiger Zunahme des Warenangebots konnte der Konsum diese Funktion übernehmen.

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