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17.01.2008

10:58 Uhr

Männliche Wechseljahre

Pharma-Industrie verspricht neue Manneskraft

VonFerdinand Knauss

Ärzte und Unternehmen behaupten, dass auch Männer in die Wechseljahre kommen, und kündigen den Kampf gegen dieses Übel an. Dabei ist die Theorie von der männlichen Menopause so alt wie unbelegt - und hat sogar schon zu durchtrennten Samenleitern geführt.

Im alter lässt der Sexualtrieb auch bei Männern nach. Foto: dpa

Im alter lässt der Sexualtrieb auch bei Männern nach. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Die Gleichheit von Mann und Frau hat auf ihrem Vormarsch offenbar auch die Leiden des Alterns erreicht. Seit einigen Jahren ist in medizinischen Fachveröffentlichungen und vor allem in der Ratgeber-Literatur immer öfter von den „Wechseljahren des Mannes“ die Rede.

Während Befürworter deren Entdeckung medienwirksam als wichtige Errungenschaft der Männermedizin verbreiten, sehen Kritiker darin eine irreale Erfindung, beflügelt vom Profitstreben von Ärzten und Pharma-Industrie. Um ihre Männlichkeit besorgte Männer im finanziell potentesten Alter sind für Ärzte und die Pharma-Industrie eine lukrative Kundschaft. „Consumerist medicine“ nennt das der britische Medizinhistoriker John Pickstone: Die Wechseljahre des Mannes sind seiner Ansicht nach das Produkt eines expandierenden Gesundheitsmarkts. Das ökonomische Potenzial des Wunsches nach ewiger Potenz und Jugend (bislang eher ein Frauen-Thema) haben auch andere Branchen erkannt. Ein Finanzkonzern etwa wirbt im Kino mit einem grauhaarigen Mann, der wie ein Jüngling auf dem Snowbord durch die Halfpipe fährt.

Bücher wie „Der Mann 2000. Die Hormon-Revolution“ (1999, von Siegfried Meryn, Markus Metka und Georg Kindel) forderten einen Bewusstseinswandel („Dieses Buch kann Ihr Leben verändern!“ heißt es auf dem Umschlag). Mit einer Hormonersatztherapie, vor allem mit Testosteron-Gaben, so die Versprechen von Andrologen („Männerärzten“), könne man die „Andropause“ erfolgreich therapieren.

Die männlichen Wechseljahre werden von diesen Medizinern also als ein umkehrbares Ereignis dargestellt: „Maximizing Manhood. How to Beat the Male Menopause“ heißt ein Buch des englischen Andrologen Malcolm Carruthers von 1998. Diese auf Hormone fixierte Sicht ersetzt die Akzeptanz des Alterns durch die Vorstellung der möglichen Verjüngung und Erneuerung.

Die Bayer-Tochter Schering bewirbt ihre Testosteron-Spritze Nebido mit dem Satz: „Die Muskelkraft wird gesteigert, und die Sexualfunktion wird gegenüber dem Ausgangszustand verbessert.“ Welcher Mann will nicht stärker und potenter sein? Eine unabhängige Studie von Utrechter Medizinern im „Journal of the American Medical Association“ stellte dagegen vor wenigen Tagen fest, dass Männer von einer Hormonersatztherapie nicht erkennbar profitierten.

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