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01.10.2015

13:23 Uhr

Medizin-Dissertationen

Promotion um jeden Preis

Ursula von der Leyen wehrt sich gegen Plagiatsvorwürfe. Sie hat in einem Fach promoviert, das unter Beobachtung steht. Dissertationen in der Medizin werden seit längerem von der Wissenschaftsgemeinde kritisch beäugt.

In keinem anderen Fach promovieren so viele Absolventen wie in der Humanmedizin. dpa

Begehrter Doktorhut

In keinem anderen Fach promovieren so viele Absolventen wie in der Humanmedizin.

BerlinNun also Ursula von der Leyen. Die Bundesverteidigungsministerin reiht sich ein in die mittlerweile recht lange Liste von Politikern, deren Dissertationen ins Visier von Plagiatsjägern geraten sind. Ob sie am Ende Konsequenzen ziehen muss wie ihre nach ähnlichen Vorwürfen zurückgetretenen Ministerkollegen Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan, wird sich erweisen, wenn die Medizinische Hochschule Hannover die Doktorarbeit der Ministerin überprüft hat.

Von der Leyens Pech ist, dass sie in einem Fach promovierte, das unter besonderer Beobachtung von Plagiatsjägern steht. Aus Sicht von Gerhard Dannemann schludern Mediziner bei ihren Doktorarbeiten häufiger als andere Wissenschaftler. „Der Publikationsdruck ist oft extrem hoch“, so der Berliner Juraprofessor, der seine Untersuchungen zu Plagiaten in Promotionen regelmäßig auf der Internetseite VroniPlag Wiki veröffentlicht.

Viele Mediziner seien noch sehr jung und müssten oft unter großem Zeitdruck publizieren, da sie ihre Doktorarbeiten in der Regel während des Studiums verfassen. Auch die Betreuer machten es ihnen mitunter leicht, unsauber zu arbeiten. Doktorvätern mit Dutzenden von Doktoranden fehlt häufig schlicht die Zeit und mitunter auch der Wille, jede Arbeit mit angemessener Gewissenhaftigkeit zu betreuen. Dass von den bislang von VroniPlag beanstandeten Doktorarbeiten mehr als die Hälfte auf die Medizin entfallen, überrascht kaum.

Tatsächlich steht die Praxis der Mediziner-Promotionen seit Jahren unter kritischer Beobachtung der Wissenschaftsgemeinde. Von den rund 28.000 erfolgreichen Promotionsprüfungen im vergangenen Jahr entfielen rund 6300 auf den Bereich Humanmedizin. Damit stellen die Mediziner die größte Gruppe unter den Doktortitel-Trägern.

Doch die Qualität vieler Mediziner-Dissertationen, so die Kritik, bleibt deutlich hinter dem zurück, was in anderen Fächern Standard ist. Als „Pro-forma-Forschung“ bezeichnete der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium hierzulande, schon vor einigen Jahren das, was vielfach im Rahmen medizinischer Doktorarbeiten geleistet wird.

Der Begriff umreißt ein Grundproblem des Fachs: Zwar promovieren hierzulande mehr als zwei Drittel aller Mediziner, doch bedeutet der Dr. med. so gut wie nie den Anfang einer Forscherkarriere. Und Arbeiten, die weniger von wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn als von der Aussicht auf den karrierefördernden Doktortitel für Praxisschild und Visitenkarte motiviert werden, sind anfälliger für qualitative Defizite – und mitunter eben auch für bewusste Täuschung.

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