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Medizin

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Manche Krebspatienten geben ihre bisherige Therapie auf

„Wir sehen mit Schrecken, was hier passiert“, sagt der Palliativmediziner Sven Gottschling vom Universitätsklinikum Homburg/Saar. In seiner Klinik hätten schon mehrere schwierige Fälle mit Überdosen behandelt werden müssen. Ein Patient habe seinen Hausarzt zur Verschreibung überredet und Dosierungsempfehlungen auf eigene Faust aus dem Internet geholt.

Ein Bericht des Schweizer Senders SRF, wonach Ärzte auch dort vermehrt mit solchen Notfällen zu tun haben, stützt Gottschlings Angabe, wonach bundesweit von solchen Fällen auszugehen ist. Der Arzt hat zudem beobachtet, dass manche Patienten inzwischen Methadon an sich für ein Krebsmittel hielten und ihre bisherige Therapie aufgäben. Friesen legt Wert darauf, das Mittel als möglichen Wirkverstärker der Chemotherapie ins Gespräch gebracht zu haben.

Die Überdosen begründen Experten zum einen damit, dass die kursierenden Empfehlungen zur Dosierung relativ hoch seien. Hinzu kommt: Methadon werde von Mensch zu Mensch unterschiedlich schnell abgebaut, so Gottschling. Schmerzmediziner sprechen von einer problematischen Substanz, die nicht leichtfertig verschrieben werde. Mögliche Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit und Angst würden bisher in der Debatte verharmlost.

Unter anderem dem Problem der Dosierung will Wolfgang Wick von der Uniklinik Heidelberg und dem Deutschen Krebsforschungszentrum nachgehen. Der Neuroonkologe hat eine Studie beantragt, um die Auswirkungen von Methadon und bereits zugelassenen Medikamenten in Ergänzung zur Chemotherapie auf das Tumorwachstum bei Patienten mit neu diagnostizierten Hirntumoren zu erproben.

„Kurz gesagt wollen wir prüfen, ob man im Menschen die nötigen Wirkspiegel erreichen kann, ob das verträglich und dann auch effektiv gegen den Tumor ist“, sagt Wick. Es handle sich um eine sehr frühe Phase, betont er. Mit einem Start sei frühestens Mitte 2018 zu rechnen.

Chemikerin Claudia Friesen vermittelt bei Anfragen an ein Netzwerk von Ärzten, die Methadon als Schmerzmittel einsetzten, wie sie erklärt. Zu den im „Ärzteblatt“ beschriebenen problematischen Verläufen erklärt sie, dies zeige Wissenslücken bei Ärzten. Auch halte sie die Fälle teils für unzureichend dokumentiert, teils für Behandlungsfehler. Den Vorwurf, falsche Hoffnungen geweckt zu haben, weist sie zurück. Jede Therapie brauche Hoffnung. Von Versprechen auf Heilung habe sie sich stets distanziert.

Und die Patienten und ihre Angehörigen? Aussagen von Ärzten nach zu urteilen, haben sich Misstrauen und Verunsicherung breitgemacht. Mediziner Sven Gottschling sucht einen Mittelweg zwischen verhärteten Fronten. Sprechstunden zum Thema Methadon mit Beratungen zur Frage, ob es als Schmerzmittel und „letzter Anker“ in Frage komme, seien geplant. Sein großer Wunsch: „Man muss es differenzierter betrachten“.

Von

dpa

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