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18.01.2007

12:59 Uhr

Mischwesen finden Befürworter

Großbritannien streitet über Mensch-Tier-Embryonen

VonMatthias Thibaut

Debattiert werden sogenannte "Hybriden", Kreuzungen aus tierischem und menschlichem Genmaterial - ein bislang nur aus Filmen bekanntes Szenario. Machte sich die britische Regierung zunächst für ein Verbot stark, gab Premier Blair am Ende nach. Geholfen werden soll der ganzen Menschheit.

LONDON. Britische Stammzellforscher haben im Streit über hybride Embryonen einen Teilerfolg erzielt. Ein von der Regierung geplantes Verbot der Erzeugung dieser Embryonen - bei denen Erbinformationen tierischer und menschlicher Zellen kombiniert werden - wurde von der Kontrollbehörde nicht ausgesprochen. Stattdessen will die "Human Fertility and Embryology Authority" (HFEA) umfassende Beratungen einleiten.

Im Dezember hatte das Gesundheitsministerium in seinem Weißbuch über die Neufassung des Embryonengesetzes ein Verbot solcher Chimären aus Mensch und Tier angekündigt. Die Technik gilt vielen als Tabubruch, auch wenn diese Mischwesen, die bisher nur aus der Mythologie bekannt sind, nach britischem Stammzell-Gesetz ohnehin nur zwei Wochen lang, bis zum Blastozysten-Stadium von etwa 200 Zellen, kultiviert werden dürfen.

Dabei wird aus Eizellen von Rindern, Schweinen oder Kaninchen der Kern mit der Erbsubstanz DNA entfernt und durch menschliche Erbinformationen, etwa aus der Hautzelle eines Parkinsonkranken, ersetzt. Forscher wollen aus so erzeugten Misch-Embryonen Stammzellen mit spezifischen genetischen Defekten entwickeln und die Effizienz ihrer Klontechniken und Steuerungstechniken bei der Zellteilung verbessern. Das Ziel ist, für die Behandlung genetisch bedingter Krankheiten besonders geeignete Stammzellen zu gewinnen.

Der "tierische" Anteil in der DNA solcher Zellen schwindet bei fortlaufender Zellteilung auf unter ein Prozent. Menschliche Eizellen für solche Experimente zu verwenden verbietet sich, da sie knapp sind und für Fruchtbarkeitsbehandlungen gebraucht werden. Dagegen können sich Forscher in jedem Schlachthof mit Eizellen von Rindern oder Schweinen eindecken.

Stephen Minger vom King's College will mit Hilfe von Mensch-Rind-Hybriden degenerative neurologische Krankheiten (Alzheimer, Parkinson) bekämpfen. In Newcastle, wo der zweite Antrag gestellt wurde, erforscht man Diabetes und Rückenmarksverletzungen. Auch "Dolly"-Schafskloner Ian Wilmut in Edinburgh will einen Antrag stellen.

45 Forscher, darunter drei Nobelpreisträger und der Präsident der britischen Wissenschaftsakademie, Lord Rees, schrieben in einem Leserbrief in der "Times": "Diese Technologie bietet einen klaren Nutzen für die Gesundheit der Menschen." Großbritannien sei zu Recht stolz auf seine ethisch und wissenschaftlich vertretbare Forschung mit Stammzellen und therapeutischem Klonen. Diese Position gerate durch ein Verbot der Hybrid-Forschung in Gefahr.

Nun hat der Wissenschaftsausschuss des Unterhauses eine eigene Enquete angekündigt. Der Wissenschaftssprecher der Liberaldemokraten, Evan Harris, will sich für die Zulassung der Hybrid-Forschung einsetzen. Auch Premier Blair deutete bereits einen Rückzieher an: "Wenn diese Forschung Menschen hilft, wollen wir, dass sie erlaubt wird."

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