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23.05.2015

14:18 Uhr

Nach Raketenpannen

Schatten über Russlands Raumfahrt

Eine Serie von Pannen hat Russlands Raumfahrt unter Druck gebracht. Die beiden wichtigen Trägerraketen Sojus und Proton sind derzeit außer Gefecht. Russlands Position auf dem umkämpften Raketenstartmarkt ist angeknackst.

Russlands Raumfahrt steckt in der Krise. Auch die einst so zuverlässige Sojus kämpft mit Problemen. ap

Start einer russischen Sojus-Rakete

Russlands Raumfahrt steckt in der Krise. Auch die einst so zuverlässige Sojus kämpft mit Problemen.

MoskauMilliarden Dollar stehen auf dem Spiel – und der Stolz der Nation. Eine Serie von verunglückten Startmanövern hat Russlands Raketenindustrie schwer zugesetzt und sie im weltweiten Wettbewerb abgebremst. Noch hält die Raumfahrtmacht geschätzte 40 Prozent des lukrativen Raketenstartmarkts, doch die Position ist angeknackst.

Russland könne schon bald sein Stück des Kuchens verlieren, wenn die Probleme nicht schnell behoben würden, warnte der stellvertretende Ministerpräsident Dmitri Rogosin dieser Tage. Und die Konkurrenz schläft nicht. Amerikanische und europäische Unternehmen bemühen sich ebenso um mehr Anteile wie chinesische und indische.

Einig sind sich Regierungsfachleute und externe Experten, dass die jüngsten Pannen abfallenden Produktionsstandards, unzureichender Kontrolle und teils intolerablen Arbeitsbedingungen zuzuschreiben sind. In Amur im Fernen Osten, wo die neue Startrampe Wostotschni entsteht, gingen die Arbeiter wegen ausstehender Löhne im vergangenen Monat in Hungerstreik und wandten sich hilfesuchend direkt an Präsident Wladimir Putin. Der Chef der staatlich kontrollierten Baufirma und drei Subunternehmer wurden festgenommen.

Die Pannenserie der russischen Raumfahrt

Mai 2015

Eine Proton-M-Trägerrakete mit einem mexikanischen Satelliten an Bord stürzt kurz nach dem Start über Sibirien ab.

April 2015

Eine Sojus-Trägerrakete versagt bei dem Versuch, einen Progress-Versorgungstransporter auf den Weg zur Raumstation zu bringen. Der außer Kontrolle geratene Transporter verglüht wenige Tage später in der Erdatmosphäre.

Februar 2013

Nur 20 Sekunden nach dem Start von einer schwimmenden Plattform im Pazifik stürzt eine Rakete mit einem Kommunikationssatelliten ins Meer. Experten vermuten, dass die russischen Antriebssysteme versagten.

August 2012

Durch einen Fehler bei der dritten Stufe der russischen Proton-Trägerrakete geraten ein russischer und ein indonesischer Satellit in eine falsche Umlaufbahn. Roskosmos kostet der Fehlstart rund 150 Millionen Euro.

Januar 2012

Die 120 Millionen Euro teure Marsmondsonde „Phobos Grunt“ stürzt unkontrolliert in den Pazifik. Eine Mischung aus menschlichem Versagen und technischen Fehlern soll die Ursache gewesen sein.

Januar 2012 - 2

Wegen einer undichten Landekapsel und einem Kurzschluss nach einem Kabelbruch verschiebt Russland zwei bemannte Weltraumflüge und den Start einer Trägerrakete mit einem Satelliten. Durch die Pannen müssen drei der sechs Crew-Mitglieder der Internationalen Raumstation ISS einen Monat länger als geplant im All bleiben.

Dezember 2011

Wegen einer fehlerhaften Zündung der dritten Stufe einer Sojus-Rakete verliert Russland einen militärischen Kommunikationssatelliten. Der „Meridian“-Satellit stürzt in Sibirien ab. Der Schaden wurde auf rund 50 Millionen Euro geschätzt.

August 2011

Ein unbemannter Versorgungstransporter mit 2,6 Tonnen Nachschub für die ISS stürzt ab. Kurz nach dem Start des Raumschiffs vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan traten Probleme mit der Zündung der dritten Stufe der Sojus-Trägerrakete auf. Erst wenige Tage zuvor war kurz nach dem Start von Baikonur der Kontakt zu einem Nachrichtensatelliten abgerissen. Der „Express AM-4“-Satellit stürzt im März 2012 in den Pazifik.

Dezember 2010

Wegen des Fehlstarts einer Proton-Rakete in Baikonur verliert Russland auf einmal drei Satelliten für sein geplantes Navigationssystem Glonass. Der Schaden wird auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt. Die Satelliten fallen in den Pazifik.

Beim Hersteller der Proton-Rakete, dem Unternehmen Chrunitschew, wurde nach Worten von Vizeministerpräsident Rogosin vor kurzem gleich eine ganze Reihe von Unzulänglichkeiten gefunden: Betrügereien, Machtmissbrauch, Dokumentenfälschungen. Der Schaden soll sich auf rund neun Milliarden Rubel (mehr als 160 Millionen Euro) belaufen.

„Bei solchem Fehlverhalten in der Führungsriege kommt ein großer Unfall nicht überraschend“, sagte Rogosin. Am vergangenen Wochenende stürzte eine Proton-Trägerrakete kurz nach dem Start in Baikonur mit einem mexikanischen Kommunikationssatelliten im Gepäck ab. Neue Starts sind erst einmal ausgesetzt.

„Jeder Unfall bringt den Startplan vom Kurs ab, und den Kunden gefällt das auch nicht“, sagte Igor Martin, Chefredakteur des Raumfahrtmagazins „Nowosti Kosmonawtiki“, mit Blick auf die wirtschaftlichen Konsequenzen. „Je länger die Verzögerung, desto größer die Zahl der unzufriedenen Kunden.“ Es war der siebte Startunfall in den letzten viereinhalb Jahren.

Auch die zweite russische Prestige-Rakete Sojus schwächelt. Ende April versagte eine Trägerrakete mit einem Progress-Transporter im Schlepptau, der die Internationale Raumstation ISS mit Nachschub versorgen sollte.

Für die ISS-Crew sind der Absturz des Transporters und das Ausbleiben derzeit noch kein Problem, ihre Vorräte reichen noch einige Monate. Doch der gescheiterte Start verzögert den Austausch der Besatzung. Und sollten die Probleme anhalten, wäre das durchaus eine Bedrohung für das ISS-Programm, das nach dem Ende der US-Shuttle-Flüge von den Sojus-Fähren abhängig ist.

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