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11.01.2006

06:00 Uhr

Nachgefragt

Speer: „Vorstadt-Einfamilienhäuser verlieren an Wert"

VonRegina Krieger

Das Handelsblatt sprach mit dem Architekten und Stadtplaner Albert Speer über die Zukunft unserer Städte. Zurzeit realisiert er Projekte in China und Saudi-Arabien.

Der Frankfurter Architekt Albert Speer hat die städtebauliche Entwicklung Frankfurts entscheidend beeinflusst. Foto: dpa

Der Frankfurter Architekt Albert Speer hat die städtebauliche Entwicklung Frankfurts entscheidend beeinflusst. Foto: dpa

Die Städte schrumpfen, die Bevölkerung altert. Sinkt damit auch der Bedarf an Wohnraum in Deutschland?

Nein, außerdem sind sinkende Geburtsraten ein europaweites Phänomen. Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich, ältere Menschen bleiben länger in ihren Wohnungen und Häusern, und gleichzeitig steigt quer durch die Gesellschaft der Anspruch auf mehr Wohnraum - auch bei den Jungen. Im Moment liegt der statistische Durchschnitt bei circa 35 Quadratmetern pro Kopf, es gibt Prognosen, die bis zu 50 Quadratmetern gehen. Das bedeutet, dass wir mehr Wohnraum brauchen. Die Zahl von 300 000 Wohnungen, die pro Jahr gebaut werden müssten, um die Nachfrage zu befriedigen, erreichen wir bei weitem nicht.

Kann man das Phänomen geographisch festmachen?

Steigender Bedarf ist überall ähnlich, aber es gibt Wanderungsbewegungen, Landstriche, in denen immer weniger Menschen leben, und Boom-Regionen. Dazu gehören die Rhein-Main-Region und München, vielleicht auch Hamburg, wenn dort die Politik wirklich umgesetzt wird, eine wachsende Stadt sein zu wollen.

Sind die Probleme, die dieser gesellschaftliche Wandel mit sich bringt, in der Politik erkannt worden?

Es geht um eine Entwicklung, die sich über einen Zeitraum von 20, 30 Jahren erstreckt. Es ist zu spät, um gegen die Bevölkerungsabnahme zu steuern, auch mit einem Öffnen der Grenzen. Aber ganz langsam setzt bei den Politikern die Erkenntnis ein. Es ist nicht ungeheuer präsent, aber es wird begonnen, darüber nachzudenken.

Wie sollen die Innenstädte denn attraktiver werden? Indem man die Bausünden der 70er Jahre abreißt?

Nein, Abriss ist keine Lösung, aber auch kein Tabu. Man muss intelligenter mit der Bausubstanz umgehen. Stadt für Stadt Konzepte entwickeln. Eine Stadt attraktiv zu machen, heißt auch, mehr Wohnen in der Stadt zu haben. Große Dienstleistungsneubauten benötigen wir eigentlich nicht mehr in Deutschland. Sondern Umstrukturierungen von Büroflächen. Nicht abreißen, sondern umbauen, das ist ökonomisch und ökologisch besser.

Was ist die Aufgabe der Architekten und Stadtplaner?

Wir müssen in Zukunft mehr auf die Nutzer eingehen. Deren Ansprüche individualisieren sich stärker, als das in der Vergangenheit der Fall war. So müssen Wohnungen künftig altergerechter und barrierefrei sein. Man kann im Sozialen Wohnungsbau aus zwei Wohnungen eine machen oder man kann generell die Zimmerstruktur ändern, zum Beispiel große Wohnküchen planen und Arbeitszimmer mit Computer-Arbeitsplatz. Die Rechnung geht auf: Wenn attraktive Wohnungen in der Stadt angeboten werden, sind sie sofort weg.

Was ist aus dem alten deutschen Traum vom Eigenheim geworden?

Die Einfamilienhäuser am Rande der Ballungsräume die in den 50er, 60er Jahren gebaut wurden, werden in Zukunft an Wert verlieren. Der Trend ist schon zu spüren. Zum Glück hat die extreme Eigenheim-Förderung aufgehört. Die Tendenz geht zu attraktiven, verdichteten, aber trotzdem familiengerechten Wohnformen. Auch in der Stadt kann man etwas bauen, wo die Kinder im Garten spielen können.

Und was bedeutet das für die Industrie?

Der Wohnungsmarkt ist der einzige, auf dem in den nächsten zehn Jahren noch Aufträge für die Bau-Industrie zu holen sind. Wohnungswirtschaft, Investoren, Architekten, Stadtplaner und Politiker müssen was tun. Das Wohnen in der Stadt ist kein Thema nur der Stadtplanung. Erforderlich sind Querschnittsdenken und Kreativität.

Wie realistisch ist die Chance für eine Wiederbelebung der Städte angesichts leerer Kassen, kaputter Straßen und geschlossener Schwimmbäder in den Kommunen?

Ein Umdenken wird stattfinden. Es wird neue Organisationsstrukturen geben, öffentlich-private Finanzierungen. Dann wird eine City-Maut für Autos kommen. Die Einnahmen werden dazu benutzt, Städte attraktiver zu machen, Plätze zu pflegen, Bäume zu setzen. Die Städte müssen Rezepte entwickeln, um ihre Individualität zu stärken. Man muss eine spürbare Qualität für die Menschen bieten, im Nahverkehr, im öffentlichen Raum, in der "Stadt der kurzen Wege". Das hängt nicht allein am Geld, sondern an Vorstellungen. Ich glaube, dass die schrumpfenden Städte eine große Chance sind, weil die Stadt nicht mehr weiter nach außen wachsen muss. Diese Mittel und Energien kann man konzentrieren, um den Stadtkern oder Stadtteil-Zentren zu fördern.

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