Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.04.2006

20:26 Uhr

Nanotechnologie

Immense Wissenslücken

VonSebastian Matthes

Fast täglich bringen Firmen neue Nanoprodukte auf den Markt und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Die Gesundheitsrisiken sind aber noch weitesgehend unbekannt, wie kürzlich das Beispiel eines mit Nanotechnologie hergestellten WC-Reinigers gezeigt hat.

DÜSSELDORF. Nie wieder schrubben. Der Traum jeder Studenten-WG ist wahr geworden. Das Putzmittel „Magic Nano Bad & WC Versiegler“ verspricht, Klobrillen und Duschkabinen mit winzig kleinen Teilchen – so genannten Nanopartikeln – zu versiegeln, dass Urinstein und Kalkreste gar nicht erst hängen bleiben. Doch der Traum hat heftige Nebenwirkungen. Dutzende Menschen mussten kürzlich nach dem Putzen wegen Atemnot, Brechreiz und Fieber ins Krankenhaus und die Firma Kleinmann ließ ihr Magic Nano Bad & WC Versiegler vom Markt verschwinden.

Nanotechnologie, das Arbeiten mit Partikeln, die kleiner sind als 100 Nanometer oder 100 Milliardstel Meter, ist im Alltag angekommen. Mercedes fertigt Motorteile aus Kohlenstoff-Nanoröhrchen, IBM produziert Nano-Transistoren, Hersteller von Lacken härten ihr Produkt mit Nanopartikeln und Kosmetikhersteller nutzen sie, um die Haut mit Vitaminen zu versorgen. Und das ist erst der Anfang. Geruchsarme Kleidung, Karies-resistente Zähne, wirksame Krebsbehandlung, vitaminreichere Nahrung und die besten Putzmittel aller Zeiten – all das wollen Unternehmen in nächsten Jahren mit Nanotechnik möglich machen.

Nach Angaben der amerikanischen National Nanotechnology Initiative, wurden 2005 weltweit neun Mrd. Dollar in die Nanoindustrie- und Forschung investiert. 2001 hatte der Weltmarkt für Nanotechnik noch ein Volumen von 40 Mrd. Dollar. 2010 sollen es rund 1 000 Mrd. sein, schätzt die amerikanische National Science Foundation.

Während die Industrie weltweit fast täglich neue Nanoprodukte herausbringt, weiß man über mögliche Nebenwirkungen der neuen Technik sehr wenig. Das zeigt auch das Beispiel Magic Nano. Denn noch Tage nachdem sich Menschen mit dem Putzmittel verletzten, blieb unklar, an was sie überhaupt erkrankt waren und was der Auslöser war.

Mehrere Forschungsprojekte, finanziert von der Bundesregierung und der EU, sollen in diesem Jahr beginnen, die immensen Wissenslücken zu füllen und Aufschluss darüber geben, welche Gefahren von super-potenter Scheuermilch und Nano-Lebensmitteln ausgehen.

Für die Industrie sind Nanoteilchen vor allem auf zwei Anwendungsgebieten wichtig. Erstens als Werkstoff. Die winzigen Teilchen, die aus den unterschiedlichsten Substanzen bestehen können, machen Oberflächen härter, Material leitfähiger und Flächen glatter. Zweitens sind Nanopartikel bioaktiv, beispielsweise als Transportmittel für andere Substanzen eingesetzt. Zum Beispiel, um Krebsmedikamente an abgelegene Orte des Körpers zu bringen. Sie können aber auch die Haut vor UV-Strahlen schützen oder Lebensmittel mit Vitaminen anreichern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×