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16.01.2007

10:38 Uhr

Neue Wirkstoffklasse

Trojanische Pferde bekämpfen Krebs

VonDietrich von Richthofen

Eine neue Wirkstoffklasse könnte in naher Zukunft die Therapie von Krebs erleichtern. Es handelt sich um so genannte Oligonukleotide, kettenartige Moleküle, die ähnlich wie die Erbsubstanz DNA aufgebaut sind. Mit ihnen wollen Forscher Tumor-Gene abschalten und Krebszellen empfindlicher für die Chemotherapie machen.

BERLIN. Der am weitesten entwickelte Wirkstoff ist Oblimersen von Genta. Er unterdrückt die Aktivität des „Bcl-2“-Gens, eines in Krebszellen oft im Übermaß vorhandenen Proteins, das die Tumorzellen vor dem programmierten Zelltod – auch Apoptose genannt – bewahrt. Das biologische Selbstmordprogramm sorgt dafür, dass entartete Zellen absterben. Wenn Oblimersen gezielt die Bcl-2-Produktion verhindert, werden die Krebszellen anfälliger für die Chemotherapie.

Doch ob das Kalkül des Unternehmens in der Praxis aufgeht, ist noch unklar. Denn eine Wirksamkeit des Medikaments ist nach Meinung eines externen Experten-Komitees der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA durch die Studiendaten nicht belegt. Nach einer weiteren Analyse der Studien hat Genta nun erneut Datenmaterial über die Wirkung des Mittels bei bestimmten Patientengruppen nachgereicht. Insbesondere Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie profitierten von Oblimersen, argumentiert das Unternehmen.

Doch das Komitee hat sich erneut gegen eine Zulassung ausgesprochen. In den nächsten Wochen wird sich herausstellen, ob sich die FDA der Meinung der Experten anschließt. Bis dahin ist vermutlich auch mit einer Entscheidung der europäischen Arzneimittelbehörde Emea über eine Zulassung für die Behandlung von Hautkrebs zu rechnen.

„Eine Ablehnung könnte einen Rückschlag für die Entwicklung der gesamten Stoffklasse bedeuten“, sagt der Krebsmediziner Volker Wacheck, der an der Universitären Klinik für Klinische Pharmakologie in Wien Studien mit therapeutischen Oligonukleotiden durchführt. Weitere Oligonukleotid-Wirkstoffe rücken zwar inzwischen nach und die Unternehmensberater von Frost & Sullivan prophezeiten dem Oligonukleotid-Markt in einer Analyse von 2004 eine Umsatzverdopplung bis 2010. „Doch derzeit befindet sich kein weiterer Wirkstoff in einer zulassungsrelevanten Studie“, sagt Wacheck.

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