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05.10.2011

14:22 Uhr

Nobelpreise 2011

Chemie-Nobelpreis für einen Streitbaren

Der Israeli Dan Shechtman ist Chemie-Nobelpreisträger 2011. Mit ihm wird ein Forscher geehrt, der eine bahnbrechende Entdeckung gegen den erbitterten Widerstand der wissenschaftlichen Gemeinschaft durchsetzen musste.

Chemie-Nobelpreis geht nach Israel

Video: Chemie-Nobelpreis geht nach Israel

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Stockholm/DüsseldorfDer Chemie-Nobelpreis geht in diesem Jahr an den israelischen Wissenschaftler Dan Shechtman. Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittwoch in Stockholm mit. Der 70-jährige Shechtman, Professor am Israel Institute of Technology, wird für die Entdeckung von Quasikristallen ausgezeichnet. In diesen Strukturen sind die Atome in Mustern angeordnet, die sich niemals wiederholen.

Bis zu Shechtmans Entdeckung im Jahr 1982 ging die Wissenschaft davon aus, dass sich in festen Materialien die Atome in Kristallen in symmetrischen Strukturen formierten, die sich ständig wiederholten. Gerade diese Wiederholung wurde damals als Bedingung für das Vorhandensein von Kristallen angesehen.

Shechtman zeigte in seinen Experimenten, dass sich die Atommuster aperiodisch verhalten: Die Muster sind zwar regelmäßig, aber sie wiederholen sich nie. Damit habe sich das Verständnis der Chemie von festen Materialen "fundamental verändert", schreibt das Nobel-Komitee in seiner Begründung.

Der Forscher habe sich nach seiner bahnbrechenden Entdeckung gegen den erbitterten Widerstand der wissenschaftlichen Gemeinschaft durchsetzen müssen, heißt es in der Begründung weiter. Im Verlauf der Auseinandersetzung war Shechtman seinerzeit sogar nahegelegt worden, seine Forschungsgruppe zu verlassen, da seine Erkenntnisse im völligen Widerspruch zu der damals gängigen Auffassung standen.

"Keiner hat ihm am Anfang geglaubt", sagte Shechtmans Frau Zipi dem israelischen Rundfunk nach Bekanntgabe der Ehrung. "Er musste harte Jahre durchleben." Er habe zu den Professoren gehört, über die man sich auf wissenschaftlichen Kongressen heimlich lustig gemacht habe.

Chemie-Nobelpreisträger seit 2001

2010

Richard Heck (USA) sowie die Japaner Ei-ichi Negishi und Akira Suzuki, die komplexe Substanzen aus Kohlenstoff herstellten. Sie bauten so unter anderem natürliche Wirkstoffe gegen Krebs nach.

2009

Venkatraman Ramakrishnan (Großbritannien), Thomas Steitz (USA) und Ada Jonath (Israel) für die Erforschung der Eiweißfabriken in biologischen Zellen, der Ribosomen.

2008

Die Amerikaner Osamu Shimomura, Martin Chalfie und Roger Tsien, weil sie ein grünlich leuchtendes Protein einer Qualle zu einem der wichtigsten Werkzeuge der Biologie gemacht haben. Damit lassen sich viele Vorgänge im Körper verfolgen.

2007

Gerhard Ertl (Deutschland) vom Fritz-Haber-Institut in Berlin für die exakte Untersuchung chemischer Reaktionen, wie sie etwa im Autokatalysator oder bei der Herstellung von Dünger ablaufen.

2006

Roger D. Kornberg (USA) für Erkenntnisse darüber, wie die Zelle aus dem Bauplan in den Genen fertige Proteine herstellt.

2005

Yves Chauvin (Frankreich), Robert H. Grubbs (USA) und Richard R. Schrock (USA) für die Entwicklung neuer Reaktionswege in der organischen Chemie, unter anderem zur Produktion von Plastik und Arzneien.

2004

Aaron Ciechanover und Avram Hershko (beide Israel) sowie Irwin Rose (USA) für die Entdeckung eines lebenswichtigen Prozesses zum Abbau von Proteinen im Körper.

2003

Peter Agre und Roderick MacKinnon (beide USA) für die Erforschung von Ionen- und Wasserkanälen der Körperzellen.

2002

John B. Fenn (USA), Koichi Tanaka (Japan) und Kurt Wüthrich (Schweiz) für ihre Methoden zum Vermessen von biologischen Molekülen.

2001

William S. Knowles, Barry Sharpless (beide USA) und Ryoji Noyori (Japan) für die Beschreibung neuer Katalysatoren.

"Shechtmans Arbeit hat zu einem Paradigmenwechsel in der Chemie geführt", sagte der Chef des Chemie-Nobelkomitees, Lars Thelander. "Seine Arbeit traf auf große Skepsis. Aber Dank der hohen Qualität seiner Daten konnte der Meinungsstreit beendet werden."

"Es fühlt sich wunderbar an“, sagte der frischgebackene Preisträger der Nachrichtenagentur AP. Seit Shechtmans Entdeckung wurden Quasikristalle in Labors produziert. Ein schwedisches Unternehmen fand sie in einer der beständigsten Stahlarten, in der die Kristalle das Material wie eine Panzerung verstärken. In der Natur wurden Quasikristalle erstmals 2009 entdeckt.

„Das war ein Preis, der eigentlich schon vor einiger Zeit fällig gewesen wäre“, sagte der deutsche Chemie-Nobelpreisträger Gerhard Ertl der Nachrichtenagentur dpa. Die Auszeichnung sei wohlverdient. „Es ist wirklich eine ganz neue Art von Struktur und Materie“, so der Forscher, der seinen Nobelpreis im Jahr 2007 erhalten hatte.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gratulierte dem Nobelpreisträger am Mittwoch telefonisch. Netanjahu sagte nach Angaben seines Büros: "Ich will Ihnen meine Glückwünsche zur Auszeichnung mit dem hoch angesehenen Preis übermitteln, der den Intellekt unseres Volkes ausdrückt. Jeder Bürger des Staates Israel ist heute glücklich und jeder Jude auf der Welt ist stolz."

Israels Staatspräsident Schimon Peres würdigte Shechtman als „Kronjuwel“. „Sie sind der zehnte israelische Nobelpreisträger“, sagte Peres während einer Telefonübertragung zu Beginn einer Pressekonferenz in der Technischen Hochschule in Haifa. Dies sei für ein so kleines Land ungewöhnlich viel. „Wir sind stolz und danken Ihnen für dieses wunderbare Geschenk, das Sie dem Volk Israel gegeben haben.“ Peres ist selbst Träger des Friedensnobelpreises.

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