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03.01.2007

11:10 Uhr

Öffentliche Kommunikation

Die EU braucht handfeste Skandale

VonHeike Anger

Sowohl Soziologen als auch Politik- und Kommunikationswissenschaftler haben die öffentliche Kommunikation über europäische Regierungsprozesse als Forschungsgegenstand für sich entdeckt. Alle Wissenschaftler kommen dabei nicht umhin, die Rolle der Massenmedien unter die Lupe zu nehmen

DÜSSELDORF. Mit einem pinkfarbenem Trainingsanzug bekleidet, steht Angela Merkel unbeholfen zwischen distinguierten Anzugträgern. In diesem Aufzug will die Bundeskanzlerin das EU-Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs leiten? Ein Skandal.

Ein solches Szenario wäre zwar peinlich, aber geeignet, die soeben begonnene deutsche EU-Ratspräsidentschaft einer breiten Öffentlichkeit in ganz Europa publik zu machen. Zumindest lassen sich so wissenschaftliche Befunde zur europäischen Öffentlichkeit interpretieren. Die besagen nämlich, dass vor allem offene Konflikte oder handfeste Skandale europapolitischen Themen zu Präsenz in den Medien verhelfen. Die unübersichtlichen Entscheidungsprozesse der EU oder die anonymen Brüsseler Akteure wirken dagegen weit weniger prickelnd. Dabei wird die EU-Politik immer wichtiger: Mittlerweile bringt Brüssel mehr als drei Viertel aller Gesetze auf den Weg .

Sowohl Soziologen als auch Politik- und Kommunikationswissenschaftler haben die öffentliche Kommunikation über europäische Regierungsprozesse als Forschungsgegenstand für sich entdeckt. Alle Wissenschaftler kommen dabei nicht umhin, die Rolle der Massenmedien unter die Lupe zu nehmen. Denn die medial erzeugte Öffentlichkeit ermöglicht dem Bürger theoretisch, ständig an der politischen Kommunikation teilzunehmen - auch wenn diese in Brüssel stattfindet. Mit ihrer Europaberichterstattung sind die Medien damit der zentrale Informationsvermittler zwischen Bürger und EU-Politik.

Das Zentimetermaß ist dabei das liebste Handwerkszeug der Forscher: Sie messen aus, wie viel Platz der EU in der Zeitungsberichterstattung eingeräumt wird. Zu wenig, wie der Leipziger Journalistik-Professor Marcel Machill findet. Er hat sich die Mühe gemacht, einzelne Forschungs-Puzzlestücke zur Europäischen Öffentlichkeit zusammenzusetzen. Mit einer Meta-Analyse wertete er 17 bereits durchgeführte Studien verschiedener Länder Europas übergreifend aus. Ergebnis: EU-Themen kommen in den jeweiligen nationalen Medien viel zu kurz, EU-Akteure spielen im Vergleich zu nationalen Akteuren nur eine Nebenrolle. Machill spricht darum von einer "nationalstaatlichen Fixierung des Journalismus".

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