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19.08.2011

09:38 Uhr

OP-Technik

Hypnose statt Vollnarkose

Auf der Suche nach sanften Betäubungsmöglichkeiten setzen Mediziner zunehmend auch auf Hypnose. Dem Patienten erspart das den „chemischen Keulenschlag“ mit Medikamenten – wenn er selbst von der Technik überzeugt ist.

In der zahnärztlichen Behandlung gehört Hypnose schon länger zu den etablierten Verfahren. Inzwischen wird der Trance-Zustand auch als Alternative zur Vollnarkose im OP-Saal eingesetzt. Quelle: picture-alliance

In der zahnärztlichen Behandlung gehört Hypnose schon länger zu den etablierten Verfahren. Inzwischen wird der Trance-Zustand auch als Alternative zur Vollnarkose im OP-Saal eingesetzt.

LondonWährend der Chirurg das Skalpell ansetzt, um die Schilddrüse zu entfernen, wähnt sich die Patientin am Strand, vernimmt das sanfte Auslaufen der Wellen, spürt, wie ihre Zehen sich in den warmen Sand eingraben. Aus dem CD-Spieler tönen leise Musik und Meeresrauschen, während die Narkoseärztin leise und beruhigend spricht: So oder so ähnlich kann eine Operation unter Hypnose ablaufen.

Patienten, die künstlich in einen Trancezustand versetzt wurden, sind betäubt und doch bei Bewusstsein. Ihre Erholungsphase ist nach Auskunft der Mediziner kürzer und sie benötigen weniger schmerzstillende Medikamente.

Am belgischen Krankenhaus Cliniques Universitaires St. Luc in Brüssel können sich Patienten einem chirurgischen Eingriff unterziehen, bei dem hypnotische Verfahren und lokale Betäubung kombiniert werden. Anders als bei der Vollnarkose mit lang andauerndem Knock-out-Effekt fühlen sich die frisch Operierten im Anschluss weniger matt und wackelig auf den Beinen.

Seit 2003 bieten die Ärzte am St.-Luc-Krankenhaus die sanfte Betäubungsmethode an. In einer anderen belgischen Klinik wurden auf diese Weise seit 1992 inzwischen mehr als 8.000 Operationen durchgeführt. Auch in Frankreich erfreut sich die Alternative zur Vollnarkose mittlerweile steigender Beliebtheit. Während in Großbritannien die Zahnmedizin Vorreiter ist, hat die Hypnose in Deutschland vor allem in OP-Säle der plastischen und der Gesichtschirurgie Einzug gehalten.

Die Französische Vereinigung der Anästhesisten (SFAR) beschreibt die Hypnose als ergänzende verlässliche Narkosemethode, um Stress, Angstgefühle und Schmerzen zu vermindern. Als Reaktion auf die steigende Nachfrage hat die SFAR im vergangenen Jahr eine auf Hypnose spezialisierte Dependance gegründet.

Zuverlässige Zahlen darüber, wie verbreitet die Praxis der Hypnose in Europa ist, liegen noch nicht vor. Laut Claude Virot, Psychiater und Leiter des Instituts für Forschung und Ausbildung in therapeutisch ausgerichteter Kommunikation, kommt die Hypnose in Rennes, einer im Nordwesten Frankreichs gelegenen Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern und über einem Dutzend Krankenhäusern, bei etwa der Hälfte aller Operationen zum Einsatz. Virot organisiert das Training von Hypnosetechniken, an dem pro Jahr ungefähr 500 Mitarbeiter im Gesundheitswesen teilnehmen. 

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