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28.09.2012

10:59 Uhr

Parabelflug

Astronaut für 22 Sekunden

VonRalf Nestler

Wer Schwerelosigkeit erfahren will, muss nicht ins All fliegen. Auch in einem A300 lässt sich das Astronauten-Feeling erleben, wenn der Pilot mit waghalsigen Flugmanövern die Schwerkraft ausschaltet. Ein Erlebnisbericht.

Ein Erlebnis, das nicht von dieser Welt ist: Schwerelos schweben die Teilnehmer des Parabelflugs durch das Flugzeug (ganz links unser Autor).

Ein Erlebnis, das nicht von dieser Welt ist: Schwerelos schweben die Teilnehmer des Parabelflugs durch das Flugzeug (ganz links unser Autor).

BerlinDie Füße hängen unter der Decke, die Hände packen den schaumstoffgepolsterten Rahmen des Versuchscontainers, der auf dem Boden festgeschraubt ist. Wobei die Unterscheidung zwischen Oben und Unten in diesem Moment eine ziemlich willkürliche ist, denn die gewohnte Erdanziehung ist wie weggeblasen.

Schwerelos schwebt der Biologe Christian Laforsch gemeinsam mit Forscherkollegen und einige Promis aus Fernsehen und Politik in dem Spezialflugzeug „A300 Zero-G“. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat zum Parabelflug geladen. Ein Erlebnis, das nicht von dieser Welt ist.

Für 22 Sekunden wird die Schwerkraft mit Hilfe eines waghalsigen Flugmanövers „ausgeschaltet“. Vorhanden ist sie nach wie vor, allerdings wirken beim Durchfliegen der Parabel zusätzlich Kräfte, die letztlich dazu führen, dass man sich schwerelos fühlt. Wie ein Astronaut im Weltraum.

Genau darum geht es in vielen Experimenten, die Forscher in den 22 Sekunden währenden Phasen der Schwerelosigkeit durchführen. Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) untersuchen, wie sich dieser ungewohnte Zustand auf das Gehirn und die Signalverarbeitung dort auswirkt. „Gerade im Hinblick auf Langzeitmissionen sind solche Informationen wichtig, damit wir entsprechende Trainingsprogramme entwickeln können, die dem entgegenwirken“, sagt der Stefan Schneider von der DSHS.

Christian Laforsch von der Universität Bayreuth und sein Team wollen wissen, welchen Einfluss die Schwerelosigkeit auf Kleinstelebewesen im Wasser hat. „Die Tiere, die damit gut zurechtkommen, könnten in Zukunft in Lebenserhaltungssystemen an Bord von Raumstationen eingesetzt werden“, erläutert er. Solche Bioreaktoren könnten Sauerstoff zum Atmen herstellen, den Urin der Raumfahrer recyceln und zusätzlich Biomasse für Weltraumnahrung produzieren.

„Das mag gewöhnungsbedürftig klingen“, gibt der Forscher zu. „Aber Raumfahrt ist nicht zuletzt deshalb so teuer, weil jedes Kilogramm Material mit großem Aufwand der Erdanziehungskraft entrissen werden muss – darum versucht man, Ressourcen optimal zu nutzen und wo möglich Recycling zu betreiben.“

Bereits heute gibt es auf der Internationalen Raumstation Systeme, die das Abwasser der Besatzung wieder zu Trinkwasser machen. In Zukunft, etwa bei einer Reise zum Mars, könnten solche Anlagen mithilfe verschiedener Organismen betrieben werden, die in einem Nahrungsnetz miteinander verbunden sind, hoffen die Wissenschaftler.

Die Biologen testen darum zunächst, wie ihre Kandidaten-Organismen mit der Schwerelosigkeit klarkommen. Die Organismen – etwa Muschelkrebse und verschiedene Mückenlarven – befinden sich in kleinen Röhren, die lichtgeschützt in einer Aluminiumkiste verstaut sind. „Wir arbeiten bewusst ohne Licht, um diesen optischen Reiz von den Tieren fernzuhalten“, sagt Laforsch.

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