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14.12.2011

07:31 Uhr

Polarforscher im Gespräch

„In der Antarktis fühle ich mich sicherer als zu Hause“

VonThomas Trösch

Zwei Jahre hat Frank Wilhelms in den Eiswüsten Grönlands und der Antarktis verbracht. Im Interview spricht der Forscher über das Überleben im Eis - und über die Verbundenheit mit Pionieren wie Amundsen oder Shackleton.

Frank Wilhelms ist Professor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Der Experte für Eisbohrungen verbrachte mehr als zwei Jahre in der Antarktis und in Grönland. Martin Leonhardt/AWI

Frank Wilhelms ist Professor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Der Experte für Eisbohrungen verbrachte mehr als zwei Jahre in der Antarktis und in Grönland.

Sie haben als Wissenschaftler insgesamt mehr als zwei Jahre in der Antarktis und in Grönland verbracht. Fühlt man sich als moderner Forscher noch in irgendeiner Weise verbunden mit Pionieren wie Amundsen, Scott oder Shackleton?

Das Überleben in der Antarktis ist heute dank moderner Technik natürlich wesentlich einfacher als zu Amundsens Zeit. Aber der Wettlauf zwischen ihm und Scott lehrt uns, nicht allein auf die Technik zu vertrauen. Scott hat ja sehr auf die Technik seiner Zeit gesetzt, etwa mit den berühmten Motorschlitten, die dann unter den extremen Bedingungen der Antarktis versagten. Amundsen war in technischer Hinsicht eher traditioneller, er vertraute auf Hundeschlitten und Inuit-Kleidung. Dafür war er sehr umsichtig, was die Vorbereitungen für seinen Marsch zum Pol betraf. Er legte weit vorgeschobene Depots an, erkundete die Route sehr genau – und war damit erfolgreich.

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Er stahl sich mit einer Lüge aus der Heimat – und kehrte als strahlender Polarheld zurück: Vor 100 Jahren stand Roald Amundsen als erster Mensch am Südpol – Krönung eines Wettlaufs, den andere mit dem Leben bezahlten.

Ich habe daraus gelernt, dass gute Vorsorge der Schlüssel zu einer erfolgreichen Bewältigung der antarktischen Herausforderungen ist. Es kann immer mal passieren, dass man irgendwo für ein, zwei Tage festsitzt. Wenn die Ausrüstung stimmt, genug Treibstoff, genug Nahrung vorhanden ist, können einem solche unvorhergesehenen Situationen nicht gefährlich werden. Wenn die Vorsorge stimmt, fühle ich mich in der Antarktis eher sicherer als zu Hause.

Was treibt Wissenschaftler heute in die Antarktis?

Da ist zum einen natürlich das Grundinteresse an der Antarktis selbst. Biologen interessieren sich für die Lebewesen vor Ort, Geowissenschaftler erkunden die Berge unter dem Eis oder suchen nach Antworten auf die Frage, wie der Urkontinent Pangäa zerfallen ist.

Zum anderen ist das Interesse an der Antarktis natürlich auch davon getrieben, dass die Gesellschaft Antworten auf bestimmte Fragen haben möchte. Von ganz besonderer Bedeutung ist im Moment die Frage nach der möglichen Geschwindigkeit des Meeresspiegel-Anstiegs. Dafür ist die Erforschung der Dynamik polarer Eisschilde sehr wichtig. Konkret also: Wie ändert sich die Verteilung des Niederschlags und wie verändert sich das Abschmelzen der Eisschilde? Auf einer deutlich längeren Zeitskala sind natürlich auch die Fragen der Paläo-Klimarekonstruktion hoch aktuell, um das natürliche, nicht vom Menschen gestörte System überhaupt zu verstehen.

Das heißt, Sie nutzen das Eis der Antarktis als eine Art Klimaarchiv?

Genau. Anhand etwa von Lufteinschlüssen in Eisproben, die wir durch Bohrungen gewinnen, können wir das Klima der Vergangenheit wie in einem Archiv rekonstruieren. Dabei kommt dann etwa heraus, das über die letzten 800.000 Jahre die atmosphärische Konzentration von CO2 nie höher als 280 ppm (parts per million) war. Wobei die Werte zwischen Eiszeiten, bei denen ein großer Teil der nördlichen Hemisphäre vereist war, und Warmzeiten wie heute um etwa 100 ppm variierte, also zwischen 180 und 280 pendelte. Das ist genau der Wert, den wir Menschen jetzt auf den früheren Höchstwert noch draufgepackt haben – wir sind jetzt bei rund 380 ppm.

Wie gestaltet sich die Forschungsarbeit im ewigen Eis?

Solche Klimaarchive finden sich nur an sehr speziellen Orten. Das sind üblicherweise Gipfelregionen, also Orte, die weit im Inneren des Kontinents liegen. Die meisten Forschungsstationen in der Antarktis liegen aber an der Küste, weil da die Versorgung leichter gewährleistet werden kann. Daher muss ich mir bei Tiefbohrungen erst einmal eine Station vor Ort aufbauen.

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