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01.05.2015

18:08 Uhr

Politiker als Hologramme

Wahlkampf mit dem Holo-Präsidenten

VonMichael Lenz, Thomas Trösch

Mit Handys, Tee und Hologrammen wurde Narendra Modi indischer Premierminister. Sein Erfolg befeuert weltweit das Interesse an der Holografie in der Politik. Schon träumen manche von JFK-Auftritten im US-Wahlkampf.

Narendra Modi bei einem seiner Auftritte als Hologramm. Getty Images

Digitale Omnipräsenz

Narendra Modi bei einem seiner Auftritte als Hologramm.

Bangkok/Berlin„Ich bezweifele, dass es einen Inder gibt, der die mobilen Bühnen mit den riesigen Leinwänden nicht gesehen hat.“ Shiri Abbas erinnert sich noch gut an die fulminanten Wahlkampfauftritte von Narendra Modi vor einem Jahr. Die ehemalige Journalistin kann ihre professionelle Bewunderung für die Medienoffensive des indischen Premierministers nicht verbergen, in der die mobilen Bühnen mit den riesigen Leinwänden das Sahnehäubchen waren. Auf den „digitalen Streitwagen“, wie die mobilen Bühnen intern genannt wurden, zog Modi als Hologramm in den Kampf um Stimmen.

Der computeraffine 64-Jährige ist der weltweit erste Politiker, der die bislang eher aus der Unterhaltungsindustrie bekannte Holografie-Technik für seine politischen Ziele einsetzt. Und wie in seiner gesamten politischen Karriere überließ der ansonsten einen eher kargen Lebensstil pflegende Modi auch die Nutzung der Holografie nicht dem Zufall.

„Er hatte diese Technik 2012 in seinem Wahlkampf im Bundesstaat Gujarat getestet“, sagt Giovanni Palma, Direktor des in London beheimateten Unternehmens Musion. Die weltweit in der Holografie führende Firma lieferte die Technik und die Experten für Modis holografischen Wahlkampf.

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Die Macher der holografischen Wahlkampfauftritte von Indiens Ministerpräsident Modi wollen ihre Technik auch im US-Wahlkampf einsetzen. Doch die Herausforderungen zwischen New York und Miami sind andere als in Indien.

„Eyeliner“ heißt die Technik, die von dem deutschen Musion-Gründer Uwe Maass in den 1990er-Jahren entwickelt wurde. Sie beruht auf dem Prinzip von Pepper’s Ghost: Der Brite John Henry Pepper hatte im 19. Jahrhundert durch eine geschickte Anordnung von Spiegeln und Lichtquellen vermeintlich dreidimensionale Gestalten erschaffen – eine Illusion, die seinerzeit gerne für Theaterproduktionen genutzt wurde.

Bei Eyeliner ersetzt eine Folie aus Polyethylen das Spiegelglas. Sie wird in einem 45-Grad-Winkel zu einer Fläche angebracht, auf die ein Projektor ein hochauflösendes Bild projiziert – etwa das von Narendra Modi. Die Folie, die für den Zuschauer vor der Bühne nicht sichtbar ist, reflektiert das Bild derart, dass der Eindruck entsteht, ein dreidimensionales Objekt bewege sich durch den Raum.

Die Technik der Londoner hat sich bewährt, auf seiner Website wirbt das Unternehmen mit illustren Kunden wie dem britischen Thronfolger Prinz Charles, der sich bei einer Rede auf einer Umweltkonferenz per Hologramm vertreten ließ. Mit Modis Wahlkampfkampagne wagte sich Musion an das bislang größte Projekt. 

Der Teeverkäufer lädt zur Teeparty

Indien genießt den Ruf, die weltweit größte Demokratie zu sein. Die Zahlen der Wahl 2014 sprechen für sich. Rund 815 Millionen der 1,2 Milliarden Inder waren wahlberechtigt. Das sind mehr Wähler, als die gesamte Europäische Union, die Vereinigten Staaten und Russland zusammen haben. In den 930.000 Wahllokalen gaben 100 Million mehr Wähler als 2009 ihre Stimmen ab.

Für den Triumph an der Wahlurne legte der Vegetarier Modi einen Marathon sondergleichen hin. Er nahm an 5187 Veranstaltungen teil, redete in 25 Bundesstaaten auf 477 Massenkundgebungen und legte insgesamt 300.000 Kilometer zurück. Geschickt spielte Modi auch mit seiner bescheidenen Herkunft. „Niemand will einen Teeverkäufer als Premierminister“, lästerten Politiker der Kongresspartei. Modis Vater war Teeverkäufer und Tee verkaufte auch der junge Modi vor seiner Politkarriere.

Im Wahlkampf startete Modi daraufhin die „chai pe charcha“-Kampagne. Bei einem Gläschen indischen Tees (Chai) plauderte Modi mit lokaler Politprominenz an insgesamt 4000 Orten über die großen Wahlkampfthemen wie Wirtschaft und Korruption – und ließ den Rest von Indien an dieser Volksnähe durch seine einzigartige Kombination aus Internet, SMS und Mobiltelefon teilhaben. Bilanz der virtuellen Teepartys: Fünf Millionen Inder schlürften virtuell Chai mit Modi.

Per Internet und SMS erreichte Modi 230 Millionen Inder, also fast jeden vierten Wähler. Rund fünf Millionen Inder folgten ihm auf Twitter, bei der Zahl der Facebook-Likes für Politiker wurde er nur US-Präsident Barack Obama übertroffen. Mehr als 80 Millionen Inder sind auf Facebook, davon nutzen 75 Prozent das soziale Netzwerk über ihre Handys.

In der digitalen Medienoffensive überstrahlten jedoch die Modi-Holgramme Handys, Chai und Internet. Als „Pfeffergeist“, wie Musion diese Art von holografischer Verkörperung nennt, trat Modi einmal gar an 100 Orten simultan auf und brach damit seinen eigenen Guinness-Buch-Rekord von 53 Simultanauftritten beim holografischen Testspiel in Gujarat.

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