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04.11.2011

08:09 Uhr

Projekt Mars 500

Die „Marsflieger“ kehren zur Erde zurück

Das anspruchsvollste Experiment in der Geschichte der Raumfahrt geht am heutigen Freitag zu Ende: Nach 520 Tagen Isolation steigen in Moskau sechs Männer aus einem nachgebauten Mars-Raumschiff.

Zwei Teilnehmer des Experiments bei einem simulierten Außeneinsatz. Forscher hatten ein Stück der Marsoberfläche im Labor nachgebaut. AFP

Zwei Teilnehmer des Experiments bei einem simulierten Außeneinsatz. Forscher hatten ein Stück der Marsoberfläche im Labor nachgebaut.

MoskauLuke auf für den Schlussakt des längsten Isolationsexperiments der Raumfahrt: Nach 520 Tagen Einsamkeit beenden sechs Männer an diesem Freitag eine virtuelle Reise ins All. „Die freuen sich auf den Ausstieg wie Kinder auf Heiligabend“, sagt Martin Zell von der beteiligten Europäischen Weltraumbehörde Esa.

Bei dem spektakulären Projekt in Moskau simulierten Teilnehmer aus China, Russland, Frankreich und Italien seit dem 3. Juni 2010 einen Flug zum Mars und zurück, streng abgeschirmt in einem Container. Nun kehren sie zurück, obwohl sie – genau genommen – nie weg waren.

„Die Simulation ist viel schwieriger als ein wirklicher Flug“, beschreibt Elektroingenieur Diego Urbina, einer der sechs „Marsianer“, die Stimmung in dem mehr als 180 Quadratmeter großen „Raumschiff“. Im Gegensatz zu einem wirklichen Flug zum mehr als 50 Millionen Kilometer entfernten Planeten fehlten beim Experiment Mars 500 zwar Schwerelosigkeit und kosmische Strahlung. „Stattdessen spürt man oft Einsamkeit und eine große Monotonie“, so der Italiener in einem Interview per Funk aus dem Modul.

Chronologie des Experiments Mars 500

3. Juni 2010

Hinter den sechs Freiwilligen aus Russland, China, Italien und Frankreich schließt sich auf dem Gelände des Instituts für biomedizinische Probleme in Moskau die Luke des nachgebauten Raumschiffs. Die Isolation beginnt.

11. September 2010

Die ersten 100 Tage sind überstanden. Sport hält die Probanden auf Trab. Weil bei einem echten Flug ins All der Knochenabbau voranschreitet, verstärken die Freiwilligen ihr Training.

2. Februar 2011

Das „Raumschiff“ erreicht die Umlaufbahn des Mars. Der Höhepunkt der Mission – die virtuelle Landung auf dem Roten Planeten – rückt immer näher. Nun hat die Crew Zugang zur „Landekapsel“, einem Modul, das bislang als Stauraum genutzt wurde.

12. Februar 2011

Es ist soweit – die „Landekapsel“ setzt auf dem Mars auf. Doch nur drei der sechs Männer dürfen dabei sein – die anderen müssen im „Mutterschiff“ zurückbleiben.

14. Februar 2011

Der Russe Alexander Smolejewski ist der erste Mensch auf dem Mars – zumindest virtuell. Gleich dahinter folgt ihm der Italiener Diego Urbina. Bei ihrem 50-minütigen Ausflug auf dem in einer Halle simulierten Roten Planeten entnehmen die beiden Männer in Raumanzügen unter anderem mehrere „Bodenproben“.

18. Februar 2011

Zweiter Mars-Ausstieg: Diesmal darf neben Smolejewski auch der Chinese Wang Yue den nachgebauten Roten Planeten betreten.

22. Februar 2011

Beim dritten und letzten Mars-Ausflug stellen Smolejewski und Urbina einen Notfall nach. Der Italiener „verletzt“ sich an der Hand und muss von seinem russischen Kollegen versorgt werden.

27. Februar 2011

Die sechs Teilnehmer sind wieder im Raumschiff vereint. Die Luke zwischen der „Landekapsel“ mit den drei „Marsianern“ und dem „Mutterschiff“ mit der restlichen Crew wird geöffnet.

16. Mai 2011

Die sechs „Raumfahrer“ haben einen echten Härtetest überstanden. Das Kontrollzentrum hatte für eine Woche alle Leitungen in das 180 Quadratmeter große Containersystem gekappt, um einen Notfall zu simulieren.

3. Juni 2011

Ein Jahr „Marsflug“ ist vorbei.

15. August 2011

Die Teilnehmer brechen – virtuell – den Rekord des Kosmonauten Waleri Poljakow. Sie halten sich bereits länger im „Weltraum“ auf als ihr russischer Kollege, der es 1994/95 auf der Raumstation Mir auf 437 Tage in Folge brachte.

4. November 2011

Aus und vorbei! Für die Probanden soll sich an diesem Tag nach insgesamt 520 Tagen Isolation wieder die Luke ihrer Kapsel öffnen. Willkommen zurück in der Realität.

Mehr als 30 Kameras übertragen das Geschehen im Container – bis auf eine je drei Quadratmeter „große“ Privatkammer – in einen nahen Kontrollraum des russischen Instituts für Biomedizinische Probleme (IMBP). Der größte Gegner sei der Alltagstrott, so Urbina weiter. „Eine Frau an Bord wäre sicher gut. Man vermisst das, ganz ehrlich.“

Dabei hatte der Italiener noch Glück: Mit dem Russen Alexander Smolejewski und dem Chinesen Wang Yue durfte er im Februar den röhrenförmigen Container kurz verlassen – für die virtuellen ersten Schritte eines Menschen auf dem Mars. Forscher hatten ein Stück des Roten Planeten im IMBP nachgebaut.

Alexej Sitjow und Suchrob Kamolow (beide Russland) sowie Romain Charles aus Frankreich mussten im „Mutterschiff“ auf ihre Kollegen warten. „Aber Hand aufs Herz: Wir waren uns in jeder Sekunde bewusst, dass wir nicht wirklich auf dem Weg zum Mars waren“, räumt Urbina augenzwinkernd ein. Um die Besatzung auf Trab zu halten, dachte sich die „Bodenstation“ dutzende Experimente aus und inszenierte Pannen. 

Kommentare (1)

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Poebelpolemiker

04.11.2011, 09:59 Uhr

Was für eine entsetzliche Zeitverschwendung! Die armen Versuchskaninchen! Keiner von denen oder von uns wird je eine bemannte Marsmission erleben. Selbst der Mond ist bei dem heutigen Stand der Raketentechnik und den Budgetplanungen von NASA und Co unerreichbar. Um zum MARS zu fliegen bräuchte man ein gigantisches Raumschiff, welches die Astronauten von der tödlichen kosmischen Strahlung und dem Sonnenwind schützt, sonst krepieren diese elendig noch bevor sie den roten Planeten erreichen. Für den Bau eines solchen Raumschiffes brauch man einen riesigen Raumhafen im Orbit - bei der selbst die Besenkammer grösser wäre als die ISS - und eine Flotte von Erzschürfen, die Metalle von Asteroiden abbauen. Der Mars ist reine Propaganda um der Weltraumfahrt das sowieso schon sehr begrenzte Budget zu sichern, so dass man vielleicht noch in diesem Jahrzehnt in der Lage sein wird, wieder einmal - 50 Jahre nach Uri Gagarin !!! - einen Menschen in den Orbit zu schießen.

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