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08.07.2013

12:48 Uhr

Raumfahrt-Pannen

Russlands Problembär heißt Proton

Nach einer Pannenserie herrscht in Russlands Raumfahrt Alarmstimmung. Die jüngste Explosion einer Proton-Rakete hat nicht nur die Raketenindustrie in eine Krise gestürzt, auch ein Zukunftsprojekt steht in den Sternen.

Der missglückte Start der Proton am 2. Juli: Die Rakete stürzte wenige Sekunden nach dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur als greller Feuerball ab. dpa

Der missglückte Start der Proton am 2. Juli: Die Rakete stürzte wenige Sekunden nach dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur als greller Feuerball ab.

MoskauIn einem grellen Feuerball über der kasachischen Steppe sind Anfang Juli auch Russlands Raumfahrthoffnungen explodiert. Auf einen Schlag verlor das Riesenreich nicht nur moderne Satelliten und Technik im Wert von mehr als 150 Millionen Euro. Vor allem aber ist nun endgültig offensichtlich, dass die Raketen-Dauerbrenner der stolzen Raumfahrtnation schwere Sorgen bereiten.

Seit fast 50 Jahren sind Proton-Raketen im Einsatz, etwa so lange wie die berühmten Sojus-Raumschiffe. Während aber die als „VW-Käfer des Weltalls“ bekannten Sojus zuverlässig ihren Dienst verrichten, sucht die Raumfahrtbehörde Roskosmos für die Proton händeringend einen zeitgemäßen Ersatz. Wie nötig er ist, hat spätestens der „Störfall in der Steppe“ Anfang Juli gezeigt.

Raumfahrt-Katastrophen

22. März 1961

Kurz vor dem ersten russischen Raumflug kommt der Kosmonaut Walentin Bondarenko beim Training in einer Isolationskammer des Moskauer Instituts für Raumfahrtmedizin ums Leben. Ein mit Alkohol getränkter Wattebausch hatte sich entzündet und die mit reinem Sauerstoff gefüllte Kammer in Brand gesetzt.

27. Januar 1967

Bei einem Bodentest der US-Raumkapsel Apollo 1 am Raketenstartplatz Cape Canaveral (US-Bundesstaat Florida) verbrennen drei amerikanische Astronauten. Ein Funke hatte die Kapsel in Brand gesetzt.

24. April 1967

Der sowjetische Kosmonaut Wladimir Komarow zerschellt nach der Rückkehr aus dem Weltraum mit seinem Raumschiff Sojus 1 auf der Erde. Das Fallschirmsystem hatte versagt.

29. Juni 1971

Die dreiköpfige Besatzung des sowjetischen Raumschiffes Sojus 11 wird bei der Rückkehr von der Saljut-Raumstation tot in ihrer Kapsel aufgefunden. Bei der Landung hatte der Druckausgleich der Kapsel versagt.

18. März 1980

Eine Wostok-2M-Rakete explodiert beim Betanken direkt auf der Startrampe des russischen Weltraumbahnhofs Plessezk. 48 Menschen sterben.

28. Januar 1986

Nur 73 Sekunden nach dem Start explodiert die US-Raumfähre Challenger und stürzt in den Atlantik. Alle sieben Astronauten kommen ums Leben. Unglücksursache: eine fehlerhafte Dichtung zwischen Segmenten einer Antriebsrakete.

15. Februar 1996

Eine chinesische Rakete des Typs CZ-3 kommt kurz nach dem Start vom Kurs ab und stürzt in ein Dorf. Bei der Explosion sterben nach offiziellen Berichten sechs Menschen, inoffizielle Quellen sprechen von bis zu 500 Toten.

1. Februar 2003

Die Raumfähre Columbia bricht während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre auseinander. Alle sieben Astronauten an Bord sterben. Ursache der Katastrophe: Beim Start war ein Stück Schaumstoff vom Außentank abgerissen und hatte die Hitze-Isolierung des Spaceshuttles beschädigt.

22. August 2003

Eine brasilianische Trägerrakete des Typs VLS-1 explodiert auf der Startrampe des Weltraumbahnhofs Alcantara im Norden Brasiliens. 21 Menschen sterben.

Die Entwicklung der neuen Trägerrakete Angara aber stockt - auch wegen der oft noch sowjetisch geprägten Industrie. Bereits 2010 sollte der Neuling ins All starten, der Termin wurde immer wieder verschoben. Derzeit ist der Erstflug für kommendes Jahr vorgesehen.

Durch den Absturz am 2. Juli steigt der Druck. Experten sehen sich bestätigt: Die dringend nötige Modernisierung der Raumfahrtbranche kommt nicht voran. Nun erhebt auch der Rechnungshof schwere Vorwürfe.

Bei Roskosmos herrsche ein „System der kollektiven Verantwortungslosigkeit“, heißt es in einem Bericht. Bau und Unterhalt von Satelliten kosteten viermal so viel wie ausländische Konkurrenzprodukte. Dennoch gebe es deutlich mehr Zwischenfälle.

Russlands Verdienst für die Raumfahrt gilt als unbestritten: Die damalige Sowjetunion schickte den ersten Satelliten und den ersten Menschen ins All. Erst vor kurzem feierte die Nation den 50. Jahrestag des ersten Raumflugs einer Frau, der Kosmonautin Valentina Tereschkowa. Aber jeder Schritt des Riesenreichs wird kritisch beäugt - schließlich kann Moskau derzeit als einzige Raumfahrtnation nicht nur Fracht, sondern auch Menschen zur Internationalen Raumstation ISS schicken.

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