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19.10.2015

13:25 Uhr

Raumfahrtforschung im Bett

Aufrichten strikt verboten

Der 22-jährige Lucas testet in Köln die Auswirkungen der Schwerelosigkeit im All – indem er monatelang im Bett bleibt. Das oberste Gebot heißt: Nur nicht aufrichten – selbst wenn es Suppe gibt.

Lucas Braunschmidt an seinem "Arbeitsplatz" als Teilnehmer der Langzeit-Bettruhe-Studier des DLR. dpa

Bettruhe-Studie des DLR

Lucas Braunschmidt an seinem "Arbeitsplatz" als Teilnehmer der Langzeit-Bettruhe-Studier des DLR.

Köln/VierkirchenEr ist jung, gesund, agil und startet ins Berufsleben. Trotzdem liegt Lucas Braunschmidt derzeit nur im Bett. Zwei Monate lang. Mehr als die Hälfte ist schon rum. Beim Besuch an diesem Vormittag wirkt er entspannt: „Ich bin tiefenentspannt“, korrigiert er gut gelaunt.

Niemand erwartet von ihm die Höflichkeit, sitzend oder stehend die Besucher zu begrüßen. Das würde gegen alle Regeln verstoßen. Das oberste Gebot ist: Nur nicht aufstehen. Den Kopf darf er heben, und eine Schulter. Das war es dann aber auch.

Der 22-Jährige aus Vierkirchen in Bayern nimmt an einer Gesundheitsstudie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zu den Auswirkungen der Schwerelosigkeit teil. Er weiß, dass seine Muskeln und Knochen durch die fehlende Belastung in den nächsten Wochen weiter abgebaut werden, an Waden, Oberschenkeln und auch an der Hüfte – wie bei den Astronauten in der Schwerelosigkeit.

„Der Körper schaltet im All in den Energiesparmodus“, sagt DLR-Studienleiter Edwin Mulder in Köln. Der Verlust setze bei den Astronauten schon nach zwei Tagen ein.

Im Anschluss an einen langen Arbeitstag von oft mehr als zwölf Stunden müssen Astronauten noch zweieinhalb Stunden gegen diesen Prozess antrainieren. In der Anfang September begonnenen Studie testen die Wissenschaftler, ob ein kurzes und knackiges Training an einem neuen Gerät für die Astronauten dabei effektiver ist.

„Wir suchen nach dem Optimum“, betont der Studienleiter. Und dazu braucht er Leute wie Braunschmidt, die wochenlang liegen und so die Auswirkungen der Schwerelosigkeit im Bett erfahren.

„Die Welt steht mir offen“, sagt Braunschmidt, der gerade seine Ausbildung zum Ergotherapeut abgeschlossen hat. Trotzdem hat er sich für den zwölf Quadratmeter großen Raum im Kölner DLR-Forschungszentrum Envihab entschieden – „sein Zimmer“ wie er sagt: Schrank, Bett, Schreibtisch, ein Fenster ohne Blick nach draußen, künstliches Licht und ein Bildschirm über dem Bett.

Seinen Computer hat er mitgebracht und Fachliteratur – da hat er aber noch nicht reingeguckt. Es gibt auch eine Sprechanlage, über die er sich per Knopfdruck mit den anderen elf Teilnehmern unterhalten kann. Bettkoller? „Nein, wir werden häufiger mal nach vorne geschoben“, sagt er. „Vorne“ das ist ein Aufenthaltsraum mit einem Fernseher.

Sechs von ihnen machen dieses knackige Training an dem neuen Gerät, einem sogenannten Sprungschlitten. Fünf- bis sechsmal werden sie pro Woche im Bett zu ihrem Trainer Andreas Kramer von der Universität Konstanz gerollt. Sie legen sich dort in das Trainingsgerät und springen liegend gegen einen Widerstand an. Braunschmidt gehört zur Vergleichsgruppe, die nicht springt.

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