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30.04.2015

11:11 Uhr

Raumtransporter Progress

Neuer Rückschlag für Russlands Raumfahrt

In Moskau herrscht Aufregung nach dem Verlust eines Progress-Raumfrachters. Die Mission sollte auch ein Höhepunkt der russischen Siegesfeiern zum 9. Mai werden. Neben dem Prestige-Verlust geht es aber auch um viel Geld.

Ein Progress-Transporter bei der Annäherung an die Raumstation ISS. Trotz des Verlustes eines baugleichen Transportschiffes ist die Versorgung der ISS-Crew nicht gefährdet. ap

Ein Progress-Transporter bei der Annäherung an die Raumstation ISS. Trotz des Verlustes eines baugleichen Transportschiffes ist die Versorgung der ISS-Crew nicht gefährdet.

BerlinWas als Routinemission geplant war, ist für Russland zu einer peinlichen Millionenpanne geworden. Der unbemannte Frachter Progress M-27M kreist seit seinem Start auf einer falschen Umlaufbahn um die Erde, statt Nachschub zur Internationalen Raumstation ISS zu bringen. Alle Rettungsversuche der Flugleitzentrale bei Moskau blieben vergeblich – inzwischen ist der Absturz des tonnenschweren Transporters unausweichlich.

„Ein Andocken der Progress an der ISS ist nicht mehr möglich, jetzt betrachten wir nur noch verschiedene Varianten des Absturzes“, so Roskosmos-Chef Igor Komarow am Mittwoch. Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLF) in Bonn schloss aber eine Gefahr für Menschen auf der Erde aus. „Beim Wiedereintritt wird das Raumschiff nach bisherigen Erfahrungen verglühen. Im Gegensatz zu bemannten Sojus-Kapseln ist die Progress nicht für die Rückkehr zur Erde vorgesehen und somit nicht mit einem Hitzeschutz ausgestattet“, sagte Schmid.

Die Pannenserie der russischen Raumfahrt

Mai 2015

Eine Proton-M-Trägerrakete mit einem mexikanischen Satelliten an Bord stürzt kurz nach dem Start über Sibirien ab.

April 2015

Eine Sojus-Trägerrakete versagt bei dem Versuch, einen Progress-Versorgungstransporter auf den Weg zur Raumstation zu bringen. Der außer Kontrolle geratene Transporter verglüht wenige Tage später in der Erdatmosphäre.

Februar 2013

Nur 20 Sekunden nach dem Start von einer schwimmenden Plattform im Pazifik stürzt eine Rakete mit einem Kommunikationssatelliten ins Meer. Experten vermuten, dass die russischen Antriebssysteme versagten.

August 2012

Durch einen Fehler bei der dritten Stufe der russischen Proton-Trägerrakete geraten ein russischer und ein indonesischer Satellit in eine falsche Umlaufbahn. Roskosmos kostet der Fehlstart rund 150 Millionen Euro.

Januar 2012

Die 120 Millionen Euro teure Marsmondsonde „Phobos Grunt“ stürzt unkontrolliert in den Pazifik. Eine Mischung aus menschlichem Versagen und technischen Fehlern soll die Ursache gewesen sein.

Januar 2012 - 2

Wegen einer undichten Landekapsel und einem Kurzschluss nach einem Kabelbruch verschiebt Russland zwei bemannte Weltraumflüge und den Start einer Trägerrakete mit einem Satelliten. Durch die Pannen müssen drei der sechs Crew-Mitglieder der Internationalen Raumstation ISS einen Monat länger als geplant im All bleiben.

Dezember 2011

Wegen einer fehlerhaften Zündung der dritten Stufe einer Sojus-Rakete verliert Russland einen militärischen Kommunikationssatelliten. Der „Meridian“-Satellit stürzt in Sibirien ab. Der Schaden wurde auf rund 50 Millionen Euro geschätzt.

August 2011

Ein unbemannter Versorgungstransporter mit 2,6 Tonnen Nachschub für die ISS stürzt ab. Kurz nach dem Start des Raumschiffs vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan traten Probleme mit der Zündung der dritten Stufe der Sojus-Trägerrakete auf. Erst wenige Tage zuvor war kurz nach dem Start von Baikonur der Kontakt zu einem Nachrichtensatelliten abgerissen. Der „Express AM-4“-Satellit stürzt im März 2012 in den Pazifik.

Dezember 2010

Wegen des Fehlstarts einer Proton-Rakete in Baikonur verliert Russland auf einmal drei Satelliten für sein geplantes Navigationssystem Glonass. Der Schaden wird auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt. Die Satelliten fallen in den Pazifik.

Insgesamt mehr als 140 solcher Versorgungsschiffe hat die stolze Raumfahrtnation Russland in den vergangenen Jahren ins All geschickt. Fehlschläge sind selten. Diesmal sorgt die Panne aber für besonderes Stirnrunzeln in Moskau. Denn sie betrifft eine Sojus-Trägerrakete, die auch für bemannte Flüge genutzt wird. Der für den 26. Mai geplante Start von drei Raumfahrern zur ISS ist nun erst einmal unklar – Roskosmos will zunächst den Fehlschlag analysieren, um ein zusätzliches Risiko auszuschließen.

Der Unfall ist aus einem weiteren Grund doppelt schmerzhaft – er kommt kurz vor dem 9. Mai, dem 70. Jahrestag des Triumphes über Hitlerdeutschland, dem wichtigsten Festtag des Jahres. Bunt beklebt mit Symbolen des historischen Sieges hatte die Sojus am Dienstag vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan abgehoben, an Bord auch Festtagsessen für die drei Kosmonauten. Und nun eine solche Panne!

Der Vorfall weckt nicht nur ungute Erinnerungen an die Pannenserie, die die russische Raumfahrtzwischen 2010 und 2013 heimsuchte, als mehrere Satelliten und ebenfalls ein Progress-Transporter jeweils kurz nach dem Start verlorengingen. Der aktuelle Vorfall betrifft mit der Sojus-Rakete ausgerechnet das wichtigste Arbeitstier der russischen Raumfahrt. Die Sojus-Technik ist nach dem Aus für die US-Space-Shuttles die einzige Möglichkeit, um Menschen zur ISS zu transportieren.

50 Jahre lang galt die Sojus-Technik als robust und zuverlässig. Jetzt steht aber auch dieser „VW-Käfer des Weltalls“ auf dem Prüfstand. Russland müsse schnell moderne Alternativen entwickeln, so Komarow.

„Der Unfall ist ein Hinweis für uns, auf neue Projekte zu setzen.“

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