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08.05.2017

10:30 Uhr

Risiko Wirbelschleppen

Gefährliche Sogwirkung am Himmel

Jedes Flugzeug verursacht Turbulenzen – je größer, desto heftiger. Mindestabstände sollen die Gefahr solcher Wirbelschleppen für kleinere Flieger mindern. Doch reichen sie aus? Ein Flugunfall wirft Fragen auf.

Besonders ausgeprägte Turbulenzen erzeugen große Flugzeuge, die langsam fliegen - etwa bei Start oder Landung. dpa

Startendes Flugzeug

Besonders ausgeprägte Turbulenzen erzeugen große Flugzeuge, die langsam fliegen - etwa bei Start oder Landung.

Karlsruhe/BraunschweigEin deutscher Business-Jet gerät über dem Arabischen Meer ins Trudeln. Er dreht sich mehrmals um die Achse und stürzt über 2000 Meter tief, bevor die Piloten das Flugzeug auffangen und in Muskat im Golfstaat Oman notlanden können. Vier nicht angeschnallte Passagiere und eine Stewardess werden verletzt, das Flugzeug ist schwer beschädigt.

Haben Luftverwirbelungen – sogenannte Wirbelschleppen – eines Großflugzeugs die zweistrahlige Challenger vom Typ 604 beinahe vom Himmel geholt? Dafür spricht aus Sicht von Experten einiges. Wenn es so wäre, wie sicher ist dann der vielbeflogene deutsche Luftraum?

Demnächst will die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig ihren Zwischenbericht zu dem Beinahe-Absturz vom 7. Januar veröffentlichen. Das Ergebnis wird mit Spannung erwartet – von Piloten wie von der Deutschen Flugsicherung in Karlsruhe. Zwar hat es über Deutschland bislang nichts Vergleichbares gegeben. Lehren aus dem Unfall könnten gleichwohl gezogen werden.

Wirbelschleppen sind ein bekanntes Phänomen: Vor allem bei Start und Landung können kleinere Flieger in den Sog von größeren geraten. „Piloten wissen um die Gefahren und sind darauf vorbereitet“, sagt Jörg Handwerg, Vorstand der Pilotenvereinigung Cockpit. „Im Reiseflug hätten wir aber mit so etwas nicht gerechnet.“

„Dreimal rollte der Jet um seine Längsachse, er rüttelte und schüttelte, die Passagiere schrien“, beschrieb das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ die dramatischen Minuten. „Alle, die nicht angeschnallt waren, flogen in der Kabine umher und versuchten verzweifelt, sich an irgendetwas festzuklammern.“

„Da schluckt man schon“, sagt Pilot Handwerg, der die Kollegen bewundert, die das Flugzeug sicher heruntergebracht haben. Doch was war der Auslöser? Wetterkapriolen sind keine bekannt. Frank Holzäpfel, Strömungsspezialist beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), hält eine Wirbelschleppe als Ursache für „durchaus möglich“. Wirbel von großen Flugzeugen könnten bei entsprechenden Wetterbedingungen über 300 Meter absinken – das ist der vertikale Sicherheitsabstand, den Flugzeuge einhalten müssen. „Aber es muss schon blöd laufen, dass man in so einen Wirbelkern gerät.“

Auch Pilot Handwerg tippt „wegen der extrem hohen Rotation“ auf eine Wirbelschleppe. Die Challenger könnte durch Seitenwind in den tückischen Wirbel geraten sein, vermutet er. „Da kam wohl alles zusammen. Ein absoluter Ausnahmefall.“

Erwiesen ist davon bislang nichts. „Es können noch keine abschließenden Feststellungen bezüglich der Ursachen getroffen werden“, heißt es von der Bundesstelle BFU. Die Unfallexperten untersuchen, welche Flugzeuge in der Nähe waren, technische Aspekte der Unglücksmaschine, das Wetter und wissenschaftliche Erkenntnisse zur Ausbreitung von Wirbelschleppen.

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