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06.04.2011

10:15 Uhr

Risikowahrnehmung

Fukushima und die „German Angst“

VonDaniel Lingenhöhl
Quelle:Spektrum.de

Fukushima lehrte die Deutschen die Angst vor dem Atom. Auch andere Technologien wie die Gentechnik stehen bei uns oft in der Kritik. Der Soziologe Ortwin Renn über die Wurzeln der „German Angst“.

"In Ländern mit relativ hohem Wohlstand haben solche Technologien ein Angst einflößendes Potenzial, deren Folgen man nicht sehen, schmecken oder riechen kann." Quelle: dpa

"In Ländern mit relativ hohem Wohlstand haben solche Technologien ein Angst einflößendes Potenzial, deren Folgen man nicht sehen, schmecken oder riechen kann."

Herr Professor Renn, nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan dominierte bald das havarierte Kernkraftwerk Fukushima die Berichterstattung in den hiesigen Medien – obwohl es im ersten Fall Tausende von Opfern gegeben hatte, während vom Reaktorunglück anfänglich nur wenige Menschen direkt betroffen waren. War dies eine verständliche Reaktion der Presse?

International nahmen die Medien das Erdbeben und den Reaktorunfall sehr unterschiedlich auf. Hierzulande dominierte Fukushima tatsächlich schnell die Schlagzeilen. Betrachtete man dagegen BBC, CNN oder internationale Magazine, so standen dort die Tsunamiopfer im Vordergrund. In Deutschland polarisiert die Atomfrage anscheinend die öffentliche Meinung so stark, dass dies alles andere rasch in den Hintergrund drängt.

Ist es tatsächlich so, dass sich die Deutschen mehrheitlich vor Kernkraft fürchten? In anderen Staaten scheint diese Angst weit weniger präsent.

In Deutschland spaltete die Atomenergie von Anfang an die politischen Lager. Die grüne Bewegung beispielsweise ging maßgeblich aus Anti-Atomkraft-Initiativen hervor und bildet bis heute in dieser Frage die prägende politische Kraft der Bundesrepublik. Immer noch eint der Protest gegen die Kernkraft alle Flügel der grünen Partei – von den Realos bis zu den restlichen noch vorhandenen Fundis.

In Ländern mit relativ hohem Wohlstand haben zudem solche Technologien ein Angst einflößendes Potenzial, deren Folgen man nicht sehen, schmecken oder riechen kann – so wie die Strahlung von Kernbrennstoffen. Diese Technologien treten an die Stelle von realen Gefährdungen wie bestimmten Krankheiten oder Hunger, die früher die Menschen ängstigten, aber heute weniger präsent sind oder gar völlig fehlen.

Ein dritter Punkt lässt sich auf die umstrittene Laufzeitverlängerung zurückführen, die zur Entstehung und Förderung des Wutbürgertums beigetragen hat. Fukushima stellt quasi eine Art Projektionswand dar, auf die Fragen zur Kernkraft wie die verlängerten Laufzeiten oder das fehlende Endlager nochmals abgebildet wurden.

Kernkraft galt lange als Zeichen des Fortschritts: Woraus entwickelte sich der Stimmungsumschwung?

Die Anti-Kernkraft-Bewegung stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, von wo sie dann in die Bundesrepublik herüberschwappte: Ihr Ausmaß verlief allerdings immer in Pendelbewegungen und war mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Nach den schrecklichen Atombombenabwürfen am Ende des Zweiten Weltkriegs entwarf Dwight D. Eisenhower das so genannte „Atoms for Peace“-Programm – Kernkraft galt plötzlich als Allheilmittel. Das ging sogar so weit, dass man dachte, man müsse gar keine Strommeter mehr einbauen, weil Energie so billig würde. Es war von Atomautos und Atomschiffen die Rede. Eine unglaubliche Euphorie machte sich breit.

In den 1960er Jahren setzte dann eine Gegenbewegung ein, die diese Versprechungen kritisch hinterfragte und ihre Umsetzung als völlig irreal anzweifelte. Gleichzeitig wurde zunehmend die Macht der großen Konzerne kritisiert, die natürlich zentrale Formen der Energieerzeugung bevorzugten und entsprechend über die Verteilung verfügen konnten. Im Rahmen der Studentenbewegungen bildete dies wunderbare Steilvorlagen, um auch gegen „großkapitalistische Technik“ Einspruch zu erheben.

Diese Einstellung sprang damals auf die deutsche Studentenschaft über und verselbstständigte sich. Mittlerweile hat die deutsche Anti-AKW-Bewegung die US-amerikanische weit überholt – bis hin zur Gründung einer eigenen Partei, die sich explizit gegen Kernkraft wendet.

Gibt es Staaten, in denen die Vorbehalte zur Kernenergie ähnlich stark ausgeprägt sind?

Österreich zum Beispiel stieg 1978 aus der Kernkraft aus. Schweden beschloss Anfang der 1980er Jahre, keine weiteren Kernkraftwerke mehr zu bauen; bereits in Angriff genommene Projekte durften jedoch zu Ende gebaut werden. 2009 erlaubte die Regierung allerdings wieder Neubauten – es erfolgte also gleich zweimal ein Umschwung.

Kommentare (6)

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Peter

06.04.2011, 10:52 Uhr

Es ist nicht Angst, es ist "German Vernunft".

Account gelöscht!

06.04.2011, 12:20 Uhr

Wer nichts weiß, muss alles glauben, auch die Ängste, die die Medien und grünen Politiker verbreiten. Pisa hat ja die Defizite des deutschen Bildungssystems in Mathematik und Naturwissenschaften aufgezeigt. Physik fällt wegen Fachlehrer-Mangel häufig aus oder wird abgewählt. Die jahrelange Boykottierung der Atomforschung macht Deutschland nicht sicherer sondern abhängig von Innovationen und Lieferungen aus dem Ausland. Um mit technischen Neuerungen umgehen zu können, muss man sie verstehen. Das gilt für alle Bereiche, ob Industrie, Politik oder Konsum. Das wäre vernünftig.

Account gelöscht!

06.04.2011, 13:00 Uhr

Atomkraftwerke benutzen eine Technik aus dem letzten Jahrhundert, die sich im Vergleich zu anderen Techniken deutlich schlechter weiterentwickelt hat. Zudem ist die Entsorgungsfrage ungeklärt und etliche Entsorgungskosten der atomaren Energieerzeugung werden über die Steuern vom Staat beglichen. Folgekosten für wahrscheinliche Unfälle oder sinnvollerweise Rückstellungen dafür sind auch nicht im Strompreis enthalten. Somit ist auch der Strompreis mangelhaft errechnet. Eine Berechnung mit allen Kosten und Rückstellungen für Unfälle (Japan) machen Kernkraft teurer als jede andere Energieform.

Deutsche sind nicht technikfeindlich oder ängstlich. Viele fahren gern auch mal 200 km/h auf der Autobahn. Deutsche sind mündig und möchten, glaube ich, die Risiken, die sie eingehen auch selber aussuchen. Bei Kernkraft bestimmen aber die Betreiber das Risiko, was dann alle zu tragen haben. Das heißt, deren Gier bestimmt unser aller Risiko. Das ist untragbar. Und zu teuer.

Übrigens ist die berechnete Wahrscheinlichkeit einse GAU für jedes Kraftwerk nahe 100%. Lediglich der Zeitpunkt läßt sich nicht bestimmen und wir hoffen, dass es uns nicht ereilt. Diese Einstellung könnte man aber schlicht auch als Dummheit bezeichnen und vielleicht sind die Deutschen letztendlich doch nicht so dumm, wie uns Leichtgläubige einreden möchten.

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