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16.02.2016

11:18 Uhr

Schädliche Triebwerksdämpfe

Dicke Luft in der Flugzeugkabine

Seit Jahren gibt es Hinweise auf giftige Dämpfe in Flugzeugkabinen, doch fehlen belastbare Forschungsergebnisse. Mediziner aus Göttingen haben jetzt die Ergebnisse einer mehrjährigen Untersuchung vorgestellt.

Wie groß ist die Gefahr durch schädliche Dämpfe in Flugzeugkabinen? dpa

Cockpit eines Verkehrsflugzeuges

Wie groß ist die Gefahr durch schädliche Dämpfe in Flugzeugkabinen?

Göttingen/FrankfurtSeit Jahren häufen sich im Luftverkehr Berichte über Zwischenfälle, die möglicherweise auf giftige Dämpfe in Flugzeugkabinen zurückgehen. Doch die medizinischen Zusammenhänge waren bisher wenig erforscht. Forscher der Universität Göttingen haben das Phänomen nun näher untersucht.

Fast drei Jahre lang prüften die Arbeitsmediziner um Astrid Heutelbeck Proben von Menschen, die nach Flügen über Beschwerden klagten. Dazu untersuchten sie mehr als 140 Patienten – die meisten davon Flugpersonal – und analysierten unmittelbar nach Flügen Blut- oder Urinproben.

Wichtigstes Ergebnis: Neben den bereits bekannten Organophosphaten, die negativ auf Enzyme im Körper wirken, fanden sie regelmäßig sogenannte flüchtige organische Verbindungen (VOC) oder deren Abbauprodukte. Diese Stoffe greifen Nerven und Herz-Kreislauf-System an und reizen zudem die Atemwege.

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Dem Piloten wird schwindlig, die Stewardess klagt über Unwohlsein: Woher kommen die Dämpfe und Gerüche in Flugzeugen? Sind sie gefährlich für die Sicherheit? Experten sagen nein – fordern aber trotzdem Konsequenzen.

Die Schadstoffe könnten in den Turbinen bei starker Hitze aus Kerosin, Ölen oder Enteisungsmitteln freigesetzt werden und über undichte Stellen im Triebwerk in die Zapfluft gelangen, vermuten die Mediziner. In fast allen Passagierflugzeugen wird die Kabinenluft aus den Triebwerken abgezapft. Dort finden Techniker immer wieder Lachen von Öl oder Enteisungsmitteln.

Landung mit der Sauerstoffmaske

Sogenannte „Fume Events“ (Dunst-Ereignisse) im Luftverkehr sind bereits seit den 1950er Jahren beschrieben. Für die Zeit von 2006 bis 2013 hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) bei deutschen Fluggesellschaften nicht weniger als 663 Fälle registriert.

Für Aufsehen sorgte etwa Ende 2010 ein Zwischenfall in einem Germanwings-Airbus beim Landeanflug auf Köln. Pilot und Copilot setzten während der Landung Sauerstoffmasken auf, nachdem sie einen scharfen Brandgeruch wahrgenommen hatten und ihnen übel geworden war. Die Maschine landete damals sicher.

Trotz der vielen Vorfälle fehlt bislang der wissenschaftliche Nachweis, dass Kabinenluft Krankheiten verursachen kann. Sollten sich die Befürchtungen bestätigen, wäre wohl vor allem das Flugpersonal betroffen, das Risiko für Passagiere scheint deutlich geringer.

Die Göttinger Mediziner sind dem Zusammenhang nach eigenen Angaben nun nähergekommen. Ihre Forschungsergebnisse wollen sie in den kommenden Wochen auf Tagungen und in Fachartikeln präsentieren. Das Krankheitsbild des bislang umstrittenen aerotoxischen Syndroms soll so genauer umrissen werden.

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