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21.06.2016

12:27 Uhr

Schneller schlau

Die Todesfalle des Chamäleons

VonThomas Trösch

Mit tödlicher Präzision lässt das Chamäleon seine Zunge hervorschießen, um ein Beutetier zu fangen. Der Jagderfolg der farbenfrohen Reptilien ist beeindruckend. Doch was genau lässt die Todesfalle zuschnappen?

Farbenfroher Jäger mit hochpräzisem Fanggerät. dpa

Chamäleon

Farbenfroher Jäger mit hochpräzisem Fanggerät.

Die Zunge des Chamäleons ist eine der gefährlichsten Waffen im Tierreich. Nähert sich ein potenzielles Beutetier, schießt sie mit bis zu 100 km/h hervor und heftet sich an das Opfer. Kaum zwei hundertstel Sekunden später schließt sich bereits das Chamäleon-Maul über der Beute.

Lange haben Wissenschaftler gerätselt, welcher Haftmechanismus dafür sorgt, dass selbst größere Beutetiere von der harpunenartig hervorschießenden Zunge mitgerissen werden. Bisherige Theorien gingen davon aus, dass sich die Beute an der Oberfläche verhakt oder dass sie festgesaugt wird. Doch tatsächlich ist gar kein aufwändiger Mechanismus nötig, wie Pascal Damman von der Universität im belgischen Mons entdeckte.

Mit einem kleinen Trick verschaffte sich der Forscher Speichelproben von den Reptilien: Er setzte typische Beutetiere des Chamäleons hinter Glasplättchen. Die hervorschießende Jagdzunge traf auf das Glas und hinterließ dort Speichel, den Damman dann genauer unter die Lupe nahm: Er legte die Plättchen schräg und ließ winzige Metallkugeln darüber rollen.

Aus der Geschwindigkeit der Kügelchen berechnete Damman, wie zähflüssig der Chamäleon-Speichel ist. Und kam dabei auf ein beeindruckendes Ergebnis: 400 Mal zäher als menschlicher Speichel sei der Schleim auf der Zungenspitze des Tieres, berichtet der Forscher im Fachmagazin „Nature Physics“. Der klebrige Schleim ermöglicht es dem Tier, Beute mit nahezu einem Drittel des eigenen Gewichts zu überwältigen.

Zu der extremen Haftwirkung gesellt sich noch eine weitere Besonderheit der Chamäleon-Zunge: Beim Herausschnellen aus dem Maul verbreitert sich die Zungenspitze zu einer Art Kelch. Auf diese Weise wird die Klebefläche stark erweitert, sodass die Beute umso sicherer gepackt werden kann.

Übrigens sind im Chamäleon-Reich ausgerechnet die Kleinsten die Größten, was die Jagdtechnik angeht: Das winzige Stachel-Zwergchamäleon, das bequem auf einen menschlichen Finger passt, beschleunigt seine Zunge innerhalb einer hundertstel Sekunde auf 96 km/h.

Im Tierreich ist das die zweitbeste Leistung überhaupt, nur die Zunge des Salamanders ist noch schneller. Für das Zwergchamäleon ist der Rekordwert überlebenswichtig: Als kleineres Tier muss es in Relation zu seiner Größe mehr fressen als größere Artgenossen, um seinen Energiebedarf zu decken.

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