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30.06.2014

15:02 Uhr

Sein Strafstoß beförderte den WM-Gastgeber ins Viertelfinale: Brasiliens Superstar Neymar. dpa

Sein Strafstoß beförderte den WM-Gastgeber ins Viertelfinale: Brasiliens Superstar Neymar.

Es ist wieder so weit: Bei der Fußball-WM in Brasilien hat mit dem Beginn der K.O.-Runde auch das finale Elfmeterschießen wieder Hochkonjunktur. Gleich zum Auftakt des Achtelfinales musste Gastgeber Brasilien im Spiel gegen Chile zu dieser ungeliebten Disziplin antreten. Das Ergebnis ist bekannt: Superstar Neymar verwandelte den entscheidenden fünften Strafstoß und sicherte seinem Team so die Qualifikation für das Viertelfinale.

Ob Brasiliens Nationalcoach Luiz Felipe Scolari wusste, welches Risiko er ausgerechnet mit diesem Elfmeterschützen einging? Denn Neymar gehört zu einer Kategorie von Spielern, denen man solche Verantwortung eher nicht übertragen sollte. Zumindest dann nicht, wenn man auf die Ergebnisse von Geir Jordet vertraut. Der Professor an der Norwegischen Hochschule für Sportwissenschaft in Oslo hat sich als Forscher mit verschiedenen Aspekten des Elfmeterschießens beschäftigt. Seine Erkenntnisse legen nahe, dass gerade besonders wichtige Strafstöße nicht von den Superstars einer Mannschaft getreten werden sollten.

Jordets Ergebnisse beruhen auf der Auswertung von über 40 Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften bis zum Jahr 2006. Dabei schnitten all jene Mannschaften besonders schlecht ab, die überdurchschnittlich viele Titelträger in ihren Reihen hatten – also Spieler, die entweder mit ihren Vereinen internationale Titel wie die Champions League gewonnen hatten oder bei Wettbewerben wie der Wahl zum Fußballer des Jahres erfolgreich waren. Auf solchen Spieler, so Jordet, laste ein größerer Druck als auf einem „Nobody“, weil der Star mit einem Fehlschuss viel Renommee verlieren kann.

Ob hier eine Ursache für die notorische Elfmeterschwäche der mit vielen international dekorierten Stars gesegneten Engländer zu suchen ist? Einer anderen Ursache für das häufige Versagen der Insulaner vom ominösen Punkt ist Jordet jedenfalls auf die Spur gekommen: Englische Elfmeterschützen haben es stets besonders eilig. Zwischen dem Pfiff des Schiedsrichters, der den Ball freigibt, und dem Anlauf des Spielers vergehen bei den Engländern im Schnitt nur 0,28 Sekunden.

Keine andere Mannschaft im Weltfußball drückt derart aufs Tempo. Blöd nur, dass laut Jordets Untersuchung die Trefferwahrscheinlichkeit deutlich steigt, wenn sich der Schütze mehr Zeit lässt. So brauchen etwa deutsche Spieler im Schnitt mehr als doppelt so lange, um sich in Bewegung zu setzen: 0,64 Sekunden.

Der Erfolg gibt den deutschen Kickern recht: In der ewigen Tabelle der WM-Elfmeterschießen liegt Deutschland mit der makellosen Bilanz von 4:0 ganz vorn. Schlusslicht in dieser Rangliste, das verwundert nun nicht mehr, ist England (0:3). Oder, um einen bekannten Satz von Gary Lineker abzuwandeln: Beim Fußball jagen 22 Männer 90 Minuten hinter einem Ball her – und am Ende trödeln sich die Deutschen zum Sieg.

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