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23.09.2014

15:12 Uhr

Die Themse in London, links die Houses of Parliament. Im 19. Jahrhundert war der Fluss vor allem eine riesige Abwasserrinne. ap

Die Themse in London, links die Houses of Parliament. Im 19. Jahrhundert war der Fluss vor allem eine riesige Abwasserrinne.

Die Themse in London war Mitte des 19. Jahrhunderts nicht viel mehr als eine riesige Abwasserrinne. London war die größte Stadt der Welt, und die Abwässer ihrer rund drei Millionen Einwohner strömten ungefiltert in den Fluss. Der allerdings war für diese Aufgabe denkbar schlecht geeignet – kaum ein anderer Fluss hat eine derart niedrige Fließgeschwindigkeit wie die Themse. Herrscht an der nahen Nordseeküste Flut, dringt zudem Meerwasser in die Flussmündung ein und bringt den Abfluss ganz zum Erliegen.

Der Dreck, den Privathaushalte, aber auch Handwerksbetriebe und Fabriken in den Fluss einleiteten, schwamm den Londonern jener Tage also länger an den Nasen vorbei, als ihnen lieb sein konnte. Im Sommer 1858 war es besonders schlimm: Aus den Sickergruben, die durch den seinerzeit beginnenden Siegeszug der Toilette mit Wasserspülung hoffnungslos überlastet waren, flossen große Mengen Abwasser in den Fluss – und machten aus ihm unter tätiger Mitwirkung der Sommerhitze eine Brühe, deren Gestank die Stadt über Wochen hinweg wie eine Dunstglocke überzog.

Wie groß der Leidensdruck gewesen sein muss, erkennt man daran, dass die Parlamentarier des ehrwürdigen House of Commons ernsthaft überlegten, ihren Tagungsort vom Flussufer weg in geruchsneutralere Teile der englischen Hauptstadt zu verlegen. Soweit kam es dann aber doch nicht, weil einsetzender Regen die Sommerhitze schließlich beendete und zumindest zeitweise für einen schnelleren Ablauf des Flusswassers sorgte.

Nachdem sie die Abwasserproblematik derart drastisch am eigenen Leib erfahren hatten, zeigten sich die Parlamentarier wesentlich aufgeschlossener gegenüber den Plänen von Joseph Bazalgette (1819-1891). Der Tiefbauingenieur hatte zuvor mehrfach vergeblich angeboten, ein modernes Kanalisationssystem für London zu entwickeln, das bis dahin nur über ein Netz von Ablaufkanälen für Regenwasser verfügte. Nach dem „Great Stink“ – wie der Sommer 1858 bis heute in London genannt wird – wurde sein Angebot angenommen, und Bazalgette machte sich daran, die Weltstadt mit einem ihr angemessenen Netzwerk von Abwasserkanälen auszustatten.

Was Bazalgette schuf, bildet im Prinzip bis heute die Basis des Londoner Abwassersystems. An den Stellen, an denen die Abwässer in die Themse geleitet werden – von Bazalgette einst mit Bedacht außerhalb der Stadt und so angelegt, dass der Abfluss auch bei auflaufender Flut gewährleistet war – sorgen heute große Klärwerke dafür, dass sich Verhältnisse wie zur Zeit des Großen Gestanks nicht wiederholen können.

Ganz nebenbei hat der Ingenieur seine Heimatstadt auch von einer schlimmen Geißel befreit: Mit der Säuberung des Flusswassers verlor der Cholera-Erreger seine wichtigste Brutstätte. Cholera-Epidemien, wie sie London zuvor mit erschreckender Regelmäßigkeit heimgesucht hatten, gehörten nach Fertigstellung des Abwassernetzes der Vergangenheit an.

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