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11.08.2014

13:31 Uhr

Neandertaler mit erlegter Beute. Von der historischen Fundstelle im Neandertal ist heute nichts mehr erhalten. Neanderthal Museum/M.Pietrek

Neandertaler mit erlegter Beute. Von der historischen Fundstelle im Neandertal ist heute nichts mehr erhalten.

Es war schon eine gute Idee, dass der Bremer Pastor Johann Neumann (1614–1666) der seinerzeit herrschenden Mode folgte und seinen Namen gräzisierte. Ansonsten wäre der wohl wichtigste Urzeit-Verwandte des modernen Menschen als schnöder „Neumanntaler“ in die Geschichte eingegangen. So aber gab Pastor Johann den zu „Neander“ gräzisierten Familiennamen an seinen Sohn Joachim (1650-1680) weiter, mit dem die Namensgeschichte des Neandertalers ihren eigentlichen Anfang nimmt.

Auch Joachim Neander fühlte sich zum Theologiestudium berufen, nebenbei komponierte er Kirchenlieder. Sein wohl bekanntestes Werk ist der Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. In der Umgebung von Düsseldorf, wo er ab 1674 als Rektor der Lateinschule wirkte, suchte er gern landschaftlich reizvolle Orte auf, um in der Abgeschiedenheit an seinen Kompositionen zu feilen. So auch eine eindrucksvolle Schlucht, die das kleine Flüsschen Düssel in eine Kalksteinformation gegraben hatte und die bis ins 19. Jahrhundert von den Einheimischen „Gesteins“ genannt wurde.

Dass auch Neander den Ort unter diesem Namen kannte, belegt ein Dokument aus seiner Feder: „…woselbst zwischen Cöllen und Maintz Berge, Klippen, Bäche und Felsen mit sonderbahrer Verwunderung zu sehen; auch im Bergischen Lande in dem Gesteins nicht weit von Düsseldorff.“

Dass er selbst einmal zum Namenspatron des Ortes werden würde, hätte Neander wohl kaum erwartet – zumal er Düsseldorf schon nach drei Jahren wieder verließ, um in seiner Geburtsstadt Bremen eine Predigerstelle anzunehmen. Doch als im Jahr 1856 Arbeiter beim Kalkabbau im „Gesteins“ auf Knochen einer bis dahin unbekannten Urmenschenart stießen, hatte sich die Erinnerung an den Theologen bereits auf den Ort übertragen – der Name „Neandertal“ war im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert.

Heute zeigt das Neandertal ein ganz anderes Gesicht als zu Lebzeiten des Komponisten, der Kalkabbau hat von dem einstigen „Gesteins“ nichts mehr übriggelassen. Auch die Höhle, in der die ersten Neandertaler-Knochen gefunden wurden, existiert nicht mehr. Ein Schicksal, das den Ort mit dem Namensgeber des Neandertals verbindet: Auch das Grab von Joachim Neander ist heute unbekannt.

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