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16.12.2014

15:12 Uhr

Italienische Polizisten auf dem Petersplatz in Rom. Nur wenige hundert Menschen leben im Vatikanstaat, doch Millionen besuchen ihn alljährlich. dpa

Italienische Polizisten auf dem Petersplatz in Rom. Nur wenige hundert Menschen leben im Vatikanstaat, doch Millionen besuchen ihn alljährlich.

„Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“, soll Winston Churchill einmal gesagt haben. Zugegeben, die Quellenlage für das Zitat ist unklar, doch unabhängig davon, ob Englands legendärer Weltkriegspremier diesen Satz tatsächlich äußerte, ist die darin zum Ausdruck kommende Zurückhaltung gegenüber der Aussagekraft mancher Zahlenwerke durchaus angebracht. Wie etwa im Fall des vermeintlich größten Schurkenstaats der Erde.

An dessen Spitze steht ein Mann, der so gar nicht das Zeug zum skrupellosen Gangsterboss hat. Im Gegenteil: Für viele Menschen ist er die höchste moralische Instanz auf Erden – eine Art Weltgewissen, das in unserer konfliktreichen Zeit eine konsequente Politik der Gewaltlosigkeit vertritt. Und doch lässt dieser Mann es zu, dass sein Land auf dem Papier die höchste Pro-Kopf-Kriminalitätsrate weltweit hat.

Die Rede ist von Jorge Mario Bergoglio, besser bekannt als Papst Franziskus. Sein „Schurkenstaat“ ist der Vatikan, der kleinste und bevölkerungsärmste Staat der Welt. Und genau diese Eigenschaft beschert dem kaum 0,4 Quadratkilometer großen Staatsgebilde im Herzen Roms den zweifelhaften Spitzenplatz in der Kriminalitätsstatistik: 2011 wurden 640 Zivil- und 226 Strafverfahren im Vatikanstaat gezählt – bei seinerzeit gerade einmal 492 Einwohnern eine weltweit unerreichte Pro-Kopf-Quote. Und ein gutes Beispiel dafür, wie unsinnig manche Statistiken sind.

Tatsächlich gehen mehr als 90 Prozent aller Verbrechen im Vatikanstaat auf das Konto von Besuchern – knapp 20 Millionen Menschen sind es alljährlich, die den Petersdom oder die Vatikanischen Museen sehen wollen. Meist handelt es sich bei diesen Delikten um Kleinkriminalität, vor allem Taschendiebstähle, viele Täter entziehen sich der Strafverfolgung im Kirchenstaat, indem sie auf italienisches Staatsgebiet flüchten.

Immerhin gelang es den Behörden des „Schurkenstaats“ in der jüngeren Vergangenheit, ihr Arbeitstempo gehörig zu beschleunigen. Benötigte man 2010 noch 36 Tage, um ein Gerichtsverfahren abzuschließen, so waren es ein Jahr später nur noch gut 18 Tage. Zudem muss, wer heute im Kirchenstaat verurteilt wird, nicht mehr fürchten, in dunklen Kerkern zu verschwinden: Das Gefängnis des Vatikanstaats bietet Platz für gerade einmal zwei Häftlinge – und wird meistens als Lagerraum benutzt.

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