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14.09.2012

12:16 Uhr

Prozession in Bareilly, einer der größten Städte im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. dapd

Prozession in Bareilly, einer der größten Städte im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh.

Eigentlich wollte Lal Bihari nur ein Darlehen beantragen. Eine Routineangelegenheit, für die der Händler im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh einen Identitätsnachweis der Behörden benötigte. Doch dass er den nicht so bald bekommen würde, wurde ihm beim Gespräch mit dem zuständigen Beamten rasch klar. Für die indischen Behörden war Bihari nämlich tot – und sollte es für weitere 18 Jahre bleiben.

Bihari war Opfer einer in seinem Heimatstaat weit verbreiteten Betrugsmasche geworden: Ein Verwandter hatte ihn, offenbar mit Hilfe bestechlicher Beamter, behördlich für tot erklären lassen, um an Biharis Teil des familiären Landbesitzes zu kommen.

Dass der vermeintliche Tote am jenem Tag im Jahr 1976 quicklebendig in der Amtsstube stand, beeindruckte die Bürokraten in keiner Weise. Unter Verweis auf den ordnungsgemäß eingetragenen Sterbefall wurde Bihari die Rückkehr ins Reich der Lebenden verweigert – und das ausgerechnet im Land der Wiedergeburt.

Doch der vermeintliche Tote wollte sich mit seinem Ableben nicht so einfach abfinden. Bihari startete eine Kampagne, in der er seinen Status als lebende Leiche durch originelle und öffentlichkeitswirksame Aktionen dokumentierte: Er organisierte seine eigene Beerdigung, beantragte persönlich eine Witwenrente für seine Frau und fügte seinem Namen das indische Wort für „Tod“ hinzu. Schließlich versuchte er Ende der 1980er-Jahre sogar, bei Wahlen gegen den damaligen indischen Ministerpräsidenten Rajiv Gandhi anzutreten. Doch all dies blieb lange ohne Erfolg.

Erst 1994 bequemten sich die Behörden, die Grundbücher zu korrigieren und Bihari als Lebenden wieder in den Genuss seines Besitzes kommen zu lassen. Doch die Hoffnung, den lästigen Untoten damit ruhig zu stellen, erfüllte sich nicht: Längst hatte Bihari nämlich erkannt, dass sein Schicksal in Uttar Pradesh kein Einzelfall war.

Eine Erkenntnis, die schließlich zur Gründung des „Vereins für tote Menschen“ führte, der sich für die Belange behördlich für tot erklärter Lebender einsetzt. Wie notwendig diese Einrichtung bis heute ist, zeigt die Tatsache, dass ihr mittlerweile mehr als 20.000 Menschen in ganz Indien angehören.

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