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13.08.2013

14:34 Uhr

Pedro Gonzales. Sein Fall gilt als ältester Beleg für das Auftreten von  Hypertrichose. Wikipedia Public Domain

Pedro Gonzales. Sein Fall gilt als ältester Beleg für das Auftreten von Hypertrichose.

Es war ein merkwürdiges Geschenk, das Heinrich II., König von Frankreich, im April 1547 erhielt. Merkwürdig sogar für einen königlichen Haushalt, in dem an Kuriositäten kein Mangel herrschte. Bei dem Präsent, das französische Korsaren ihrem Herrscher übersandten, handelte es sich weder um ein exotisches Tier noch um eine Kostbarkeit für die königliche Schatzkammer. Es war ein Mensch, ein Knabe, schön gewachsen, aber mit einer ins Auge stechenden Besonderheit: Er war am ganzen Körper dicht behaart.

Pedro Gonzales, so der Name des Jungen, litt an einer Form der Überbehaarung, die Mediziner heute als Hypertrichose bezeichnen. Ausgelöst wird sie durch hormonelle Störungen oder Gendefekte. In ihrer ausgeprägtesten Variante tritt die Störung allerdings nur sehr selten auf: Seit dem Mittelalter sind nur etwa 50 Fälle des Leidens belegt, das die Betroffenen zu „Wolfsmenschen“ werden lässt. Abgesehen von der dichten Körperbehaarung hat das Leiden keine schlimmeren Folgen, die Betroffenen sind körperlich gesund und haben eine normale Lebenserwartung.

All dies wussten die Zeitgenossen von Pedro Gonzales natürlich nicht. Für die meisten von ihnen war der Behaarte nichts weiter als eine Art Monster, ein exotisches Wesen an der Grenze zwischen Mensch und Tier, ein Fall fürs Kuriositätenkabinett. Zum Glück für den Jungen teilte der König diese Auffassung nicht, er ersparte dem „Wolfsmenschen“ ein Dasein in den königlichen Gärten in Paris, wo Frankreichs Herrscher die ihnen geschenkten Wildtiere unterzubringen pflegten. Stattdessen gewährte er Pedro eine nach den Maßstäben der Zeit gute Ausbildung: Der Junge studierte und lernte Latein.

Ob Heinrich ahnte, dass der vermeintliche Wilde in seiner Heimat zur gesellschaftlichen Elite gezählt hätte? Ehe Pedro in die Hände der Seeräuber fiel, hatte er auf Teneriffa gelebt. Es war die Zeit, als die Guanchen, die Ureinwohner der Kanarischen Inseln, gegen Spanien kämpften. Eine blutige Auseinandersetzung, in deren Verlauf viele Guanchen versklavt wurden, darunter auch Mitglieder der Häuptlingssippen. Vermutlich entstammte Pedro einer dieser adeligen Familien. Er selbst hat jedenfalls lebenslang den Ehrentitel „Don“ für sich beansprucht.

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