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02.01.2007

11:04 Uhr

Sechs Millionen Deutsche betroffen

Neue Mittel im Kampf gegen Diabetes

VonPia Grund-Ludwig

Immer mehr Kinder sind von der Zuckerkrankheit betroffen – Experten fordern eine deutliche Verbesserung der Prävention

Übergewicht bei Kindern erhöht das Diabetes-Risiko. Foto: dpa Quelle: dpa

Übergewicht bei Kindern erhöht das Diabetes-Risiko. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Diabetes entwickelt sich zu einer Volkskrankheit von immer gravierenderem Ausmaß: Sechs Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, Tendenz steigend. Dazu kommt nach Schätzungen der Deutschen Diabetes Union noch eine Dunkelziffer von weiteren zwei Millionen, bei denen die Krankheit nicht erkannt wird. 1,5 Millionen Patienten werden hierzulande mit Insulin behandelt. Nicht nur in den Industrieländern ist eine enorme Steigerung der Betroffenenzahlen zu beobachten, sondern auch in Schwellenländern wie China. Dort macht sich die zunehmende Umstellung der Ernährungsgewohnheiten auf Fastfood negativ bemerkbar.

Besonders besorgniserregend ist das zunehmende Diabetesrisiko von Kindern und Jugendlichen. Das in Tübingen angesiedelte deutsche Diabetes-Register registriert seit der Jahrtausendwende mit jährlich neun Prozent Mehrerkrankungen dramatische Zuwachsraten in den jungen Altersgruppen. Noch ist unklar, warum das so ist. Umweltfaktoren und eine falsche Ernährung werden als potentielle Faktoren derzeit unter die Lupe genommen. Im neuen Jahr soll der Ursachenforschung für dieses Problem besonderen Raum eingeräumt werden – 2007 wurde zum „Jahr der Kinder mit Diabetes“ bestimmt. Es werden hauptsächlich zwei Diabetesformen unterschieden: Typ-1 beginnt meist in der Jugend und entsteht durch die Zerstörung der Insulin produzierenden Zellen. Typ-2 betrifft dagegen meist ältere Menschen. Er beruht auf einer zunehmenden Unempfindlichkeit der Zellen gegenüber dem Insulin.

Die Strategien für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes sind andere als bei Erwachsenen. Bei Typ 1 handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Als ein vielversprechender Ansatz der Behandlung gilt, bei Diabetesdiagnose durch Immun-Medikamente den Autoimmunprozess aufzuhalten und die verbliebene Restfunktion zu schützen. Auch den Einsatz von Inkretin-Mimetika bei Kindern können sich viele Diabetes-Spezialisten vorstellen.

Inkretine sind Hormone, die vom Darm ausgeschüttet werden, wenn der Körper Nahrung aufnimmt. Inkretin-Mimetika ahmen dies nach. „Etwas vergleichbares wie diese Wirkstoffe wurde in den vergangenen 20 Jahren nicht entdeckt“, sagt Ralph Achim Bierwirth, stellvertretender Chef der Arbeitsgemeinschaft niedergelassener diabetologisch tätiger Ärzte. Die neuen Medikamente regen abhängig vom Zuckerspiegel die Insulinabgabe an. Die Magenentleerung wird gebremst, was für ein schnelleres Sättigungsgefühl sorgt. „Das bringt zusätzliche Gewichtsabnahme – ein erwünschter Effekt, der insbesondere in den USA schnell für hohe Akzeptanz gesorgt hat“, berichtet Bierwirth. Im März 2007 werden erste Präparate in Deutschland auf den Markt kommen; für den Einsatz bei Kindern liegen nach Ansicht der meisten Experten aber noch zu wenig Daten vor.

Für das Jahr 2007 versprechen sich viele Spezialisten außerdem bessere Möglichkeiten der kontinuierlichen Blutzuckermessung über Sensoren im Unterfettgewebe. „Mit diesen Geräten lässt sich der Glukosegehalt ablesen wie an einer Uhr, das erleichtert die kurzfristige Reaktion und stellt Verläufe besser dar“, sagt Thomas Danne, Leiter des Diabeteszentrums für Kinder und Jugendliche am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Die kurzfristige Reaktion auf Unterzuckerung wird damit erleichtert. Produkte gibt es bislang von Medtronic, Dexcom und Abott, andere Hersteller arbeiten daran. Die Kontrolle von Blutzucker und Blutdruck gelten als zentrale Maßnahmen, um schweren körperlichen Schäden durch Diabetes vorzubeugen. Durch extrem hohe oder extrem niedrige Blutzuckerspiegel drohen lebensbedrohliche Situationen mit Bewusstlosigkeit. Gravierend können Auswirkungen wie Fußläsionen und Nierenschäden sein. Auch können chronisch erhöhte Zuckerwerte Gefäße im Auge schädigen.

Diabetes gilt als besonders komplexe Erkrankung, die zu enormen Behandlungskosten führen kann: „Diabetes ist die teuerste chronische Krankheit. 60 Milliarden Euro betragen die Kosten alleine in Deutschland pro Jahr“, sagt Ralph Achim Bierwirth. Ein wirksames Gegenmittel gegen dieses Kostenexplosion wäre vor allem eine bessere Prävention. Das umfasst Gesundheitserziehung, Ernährungsberatung und die Anleitung zu mehr Bewegung im Alltag, sowohl in Schulen als auch am Arbeitsplatz.

Entsprechende Initiativen sind allerdings rar gesät: „Den Gewinn sieht man hier erst in zehn bis fünfzehn Jahren, in so langen Zeiträumen denkt Politik hierzulande nicht“, kritisiert Bierwirth. Statt einer Verbesserung der Prävention sieht er die zunehmende Einmischung der Politik in ärztliche Therapien – etwa bei der Diskussion über kurzwirksame Insulinanaloga. Das sind in der Natur normalerweise nicht vorkommende, künstliche Abwandlungen des Hormons Insulin. Deren Wirksamkeit hatte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen bestritten. Der Einwand der Deutschen Diabetes Gesellschaft: Nicht alle Patienten ließen sich über einen Kamm scheren. Mehr als 40 Prozent der behandelten Kinder erhielten Insulinanaloga, und dies mit guten Ergebnissen, so Prof. Danne. Bierwirth sieht in den Vorstößen des Instituts einen Eingriff in die ärztliche Therapie „mit pseudowissenschaftlichen Methoden“. Sein Ausblick auf das Jahr 2007 in Bezug auf Diabetes fällt dem entsprechend zwiespältig aus: „Im fachlichen Bereich sehe ich wichtige Weiterentwicklungen, aber die großpolitische Wetterlage ist unsicher.“

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