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21.11.2015

14:24 Uhr

Shackletons Antarktis-Expedition

Gefangen in der Eishölle des Südens

VonThomas Trösch

Er wollte als erster Mensch die Antarktis durchqueren – doch die Endurance-Expedition von Ernest Shackleton stand unter keinem guten Stern. Vor 100 Jahren nahm die Entdeckungsreise eine dramatische Wendung.

Die Endurance sollte Shackleton und seine Crew in die Antarktis bringen. Vor 100 Jahren wurde sie vom Packeis zerdrückt.

Endurance im Eis

Die Endurance sollte Shackleton und seine Crew in die Antarktis bringen. Vor 100 Jahren wurde sie vom Packeis zerdrückt.

Am 21. November 1915 triumphiert die Natur zum dritten Mal über Ernest Shackleton. „Dort lag unser armes Schiff anderthalb Meilen entfernt in seinem Todeskampf. Es sank mit dem Bug voran, das Heck ragte in die Luft. Dann tauchte die Endurance plötzlich weg und das Eis schloss sich für immer über ihr“, notiert der Polarforscher in seinem Reisebericht.

Nach zwei gescheiterten Vorstößen zum Südpol zwischen 1901 und 1909 beendet der Untergang der Endurance im Packeis des Weddell-Meeres auch Shackletons dritten Versuch, die Antarktis zu bezwingen. Statt um Entdeckerruhm geht es für ihn und seine Crew – insgesamt 28 Männer, die sich aus dem berstenden Schiff aufs Packeis geflüchtet haben – jetzt nur noch ums Überleben. Gestrandet auf einer Eisscholle weitab der menschlichen Zivilisation, beginnt für die Männer der letzte Akt des Dramas Endurance-Expedition.

Begonnen hatte alles mit einer Zeitungsanzeige im Jahr 1914: „Es werden Männer gesucht für eine gefährliche Reise. Kleines Gehalt, bittere Kälte, lange Monate in kompletter Dunkelheit, dauernd in Gefahr, sichere Heimkehr zweifelhaft. Ehre und Anerkennung im Fall der Rückkehr.“

Nach zwei gescheiterten Vorstößen zum Südpol wollte er als erster Mensch die Antarktis durchqueren.

Ernest Shackleton (1874-1922)

Nach zwei gescheiterten Vorstößen zum Südpol wollte er als erster Mensch die Antarktis durchqueren.

Die Herausforderung, die Shackleton hier skizzierte, war in der Tat außergewöhnlich: Erstmals sollte der Eiskontinent Antarktis von Menschen durchquert werden. Nachdem ihm der Norweger Amundsen drei Jahre zuvor den Titel des ersten Menschen am Südpol weggeschnappt hatte, wollte sich Shackleton mit dieser Leistung in den Annalen der Polarforschung verewigen – und wohl auch aus dem übergroßen Schatten der britischen Polarlegende Robert Falcon Scott treten.

Mehr als 5000 Bewerber

Der hatte sich 1911 mit Amundsen ein Wettrennen um den Südpol geliefert, das für Scott und vier seiner Begleiter tödlich endete. Ein Desaster, das in der britischen Öffentlichkeit zum heroischen Scheitern stilisiert wurde, nachdem Scotts Tagebuchaufzeichnungen aus den letzten Tagen der Expedition bekanntgeworden waren.  Fortan galt der Südpol als der ultimative Bewährungsort für britisches Heldentum – und so konnte sich Shackleton seine Antarktis-Crew schließlich aus mehr als 5000 Bewerbern aussuchen.

Als die Endurance am 8. August 1914 England verlässt, steht dann aber eine ganz andere Form von Heldentum auf der Tagesordnung: Wenige Tage zuvor ist der Weltkrieg ausgebrochen. Shackletons unverzüglich formuliertes Angebot, Schiff und Besatzung der Kriegsmarine zur Verfügung zu stellen, wird von allerhöchster Stelle abgelehnt: Der König persönlich überreicht ihm den Union Jack für die Expedition. Und so entführt die Endurance ihre Crew aus dem beginnenden Chaos des Völkerkrieges in die menschenleere Eiswüste am anderen Ende der Erde.

Shackletons dramatischste Reise

Er wollte die Antarktis durchqueren, doch dazu kam es nicht. Für Ernest Shackleton und seine Männer entwickelte sich die Fahrt Richtung Südpol zum dramatischen Überlebenskampf. Die Stationen der Endurance-Expedition.

Shackletons Plan sieht vor, mit der Endurance die Antarktis im Gebiet der Weddell-See zu erreichen, anzulanden und den Marsch durch den Eiskontinent anzutreten. Eine zweite Gruppe ist derweil mit dem Schiff Aurora zur gegenüberliegenden Seite der Antarktis unterwegs. Von dort aus soll sie in Richtung der anmarschierenden Weddell-Gruppe vorstoßen und entlang ihrer Route Versorgungsdepots anlegen.

Die Natur hat andere Pläne

Ein Plan, von dessen Gelingen die Crew um Shackleton fest überzeugt ist: Als die Endurance am 5. Dezember 1914 mit der Walfangstation auf der kleinen Insel Südgeorgien die letzte menschliche Ansiedlung vor der Antarktis hinter sich lässt, notiert der „Boss“, wie ihn seine Männer nennen: „Der Morgen trüb und wolkenverhangen, mit gelegentlichen Regen- und Schneeschauern, doch an Bord der Endurance sind alle frohen Mutes.“

Doch die Natur hat andere Pläne als die Männer auf der Endurance: Mitte Januar wird das Schiff von Packeis in der Weddell-See eingeschlossen. Es kann sich nie wieder aus der Umklammerung befreien.

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