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10.02.2017

11:08 Uhr

Skandal um falsche Ärztin

Patienten klagen nach falscher Alzheimer-Diagnose

Sie hatten sich schon mit ihrem Ende abgefunden, dabei waren sie kerngesund. Dutzende Amerikaner sind an eine betrügerische Ärztin geraten. Deren Schwindel hatte zum Teil verheerende Folgen.

Der Familienvater erhielt von einer falschen Ärztin die Diagnose Alzheimer. Jetzt klagt er auf Schadenersatz in Millionenhöhe - wie viele andere Opfer der vermeintlichen Spezialistin. AP

Shawn Blazsek

Der Familienvater erhielt von einer falschen Ärztin die Diagnose Alzheimer. Jetzt klagt er auf Schadenersatz in Millionenhöhe - wie viele andere Opfer der vermeintlichen Spezialistin.

ToledoShawn Blazsek wusste zwar, dass sein Kopf beim Boxen in der Highschool einiges abbekommen hatte. Trotzdem war die Nachricht für ihn ein Schock: Alzheimer, mit 33 Jahren. Die Ärztin gab ihm noch zehn Jahre, seinem Gedächtnis deutlich weniger.

Blazsek traf daher konkrete Vorbereitungen, vor allem für seine Frau. Gleichzeitig stellte er eine tödliche Dosis Schlafmittel bereit – für den Tag, an dem er die Namen der eigenen Kinder vergessen haben würde.

Dieser Tag sollte glücklicherweise nie kommen. Denn neun Monate später stellte sich heraus, dass alles nur ein Irrtum war. Zunächst erfuhr der Familienvater, dass die Ärztin, die ihm die Diagnose gestellt hatte, gar nicht vom Fach gewesen war. Eine zweite Untersuchung bestätigte dann, dass er kein Alzheimer hatte.

Das ist Alzheimer

Die Entdeckung

1906 hat der Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer zum ersten Mal die Krankheit beschrieben, die heute unter dem Namen Alzheimer bekannt ist.

Die erste Patientin

In der Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische in Frankfurt trifft Alois Alzheimer auf die Patientin Auguste Deter die gesund erscheint, allerdings an einer seltsamen Form von Gedächtnisverlust leidet. Alzheimer dokumentiert seine Gespräche mit der Patientin. Nach ihrem Tod untersucht er ihr Gehirn und stellt einen massiven Zellschwund und ungewöhnliche Ablagerungen fest.

Bekannte Alzheimer-Patienten

In den folgenden Jahren werden immer mehr Fälle der Krankheit entdeckt, außerdem wird sie im Lehrbuch Klinische Psychiatrie als Alzheimer-Krankheit aufgenommen. Zu den bekanntesten Erkrankten gehören der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer, die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher und der „Columbo“-Schauspieler Peter Falk.

Symptome der Erkrankung

Die Symptome der Alzheimer-Krankheit treten nicht bei jeden Patienten in gleicher Weise aus. Störungen des Gedächtnisses, des Denkvermögens, der Sprache, der örtlichen und zeitlichen Orientierung oder Probleme bei der Handhabung von alltäglichen Dingen können Anzeichen dafür sein, dass eine Erkrankung vorliegt.

Krankheitsverlauf

Die Alzheimer-Krankheit entwickelt sich langsam, im Krankheitsverlauf wechseln sich stabile Phasen mit Perioden der Verschlechterung ab. Außerdem schreitet sie nicht bei jedem Patienten in gleicher Weise voran.

Frühes Stadium

In der ersten Phase der Erkrankung leidet besonders das Kurzzeitgedächtnis. Der Alzheimerkranke vergisst Namen oder hat Mühe, einem Gespräch zu folgen. Fremdwörter bereiten ihm Schwierigkeiten und er hat Probleme damit, sich klar auszudrücken.

Mittleres Stadium

In der zweiten Phase wird die Erkrankung offensichtlicher. Die Patienten können ihren Alltag nur noch mit Unterstützung bewältigen. Die Symptome des frühen Stadiums schreiten weiter voran, auch das Langzeitgedächtnis leidet nun.

Spätes Stadium

In der letzten Phase der Erkrankung sind die Patienten vollständig pflegebedürftig. Ihr Gedächtnis ist nicht mehr in der Lage, neue Informationen zu speichern. Sie drücken sich nur noch mit wenigen Worten aus und erkennen auch ihre Angehörigen oft nicht mehr.

Und Blazsek ist nicht der einzige, dem es so erging. Mehr als 50 Patienten einer Klinik im US-Staat Ohio plagten sich monatelang mit unnötigen Ängsten herum. Einige der Betroffenen entwickelten Depressionen. Ein paar kündigten ihre Jobs, verkauften ihren Besitz oder unternahmen eine „letzte“ besondere Urlaubsreise. Einer nahm sich sogar das Leben.

Jetzt fordern die Opfer der falschen Ärztin Entschädigung. Gerichtsunterlagen zufolge wollen sie jeweils mehr als eine Million Dollar (935.000 Euro). Die erst Anfang 2015 an einer Klinik in der Stadt Toledo gegründete Spezialabteilung, die unter der Leitung der beschuldigten Ärztin gestanden hatte, wurde inzwischen wieder geschlossen.

Kokosöl und Gedächtnisspiele

Im festen Glauben, dass die verbleibende Zeit knapp sei, hatte Blazsek sich bemüht, seinen vier Kindern noch so viel wie möglich mit auf den Weg zu geben. Seinem Sohn brachte er bei, sich um das Auto der Familie zu kümmern. Seine Frau Jennifer weihte er in die Verwaltung seiner Finanzen ein. „Ich habe sie darauf vorbereitet, als alleinerziehende Mutter zurecht zu kommen“, sagt er.

Fast alle der Betroffenen kamen zunächst wegen anderer Schädigungen am Gehirn zu Dr. Sherry-Ann Jenkins. Einige beschreiben die Ärztin als einfühlsame, umgängliche Person, die Therapie-Sitzungen oft mit einer Umarmung beendet habe. Auf ihre Anregung hin lobten einige Patienten in Artikeln ihren ganzheitlichen Ansatz, zu dem sowohl Gedächtnistrainingsspiele als auch eine tägliche Dosis Kokosöl gehört hätten.

Gleichzeitig betonen sie aber, wie sehr sich Jenkins gegen die Verabreichung von Medikamenten und das Einholen einer zweiten Meinung gewehrt haben soll. Sie hatte zwar ein gesundheitswissenschaftliches Studium abgeschlossen, aber keine Zulassung als Ärztin.

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