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07.01.2016

09:22 Uhr

Spurensuche nach Bombentest

So spürt man Nordkoreas Atombomben nach

VonLars Fischer
Quelle:Spektrum.de

Nordkorea hat seinem Ruf als Schurkenstaat Ehre gemacht und erneut eine Nuklearwaffe getestet. Um welchen Bombentyp es sich genau handelte, können Experten mit verschiedenen Verfahren auch aus der Ferne rekonstruieren.

Die erste Wasserstoffbombe wurde von den USA im Jahr 1952 gezündet. Die auch als H-Bombe bekannte Waffe entwickelt eine deutlich höhere Zerstörungskraft als ein Atombombe. dpa

Erste Wasserstoffbombe

Die erste Wasserstoffbombe wurde von den USA im Jahr 1952 gezündet. Die auch als H-Bombe bekannte Waffe entwickelt eine deutlich höhere Zerstörungskraft als ein Atombombe.

HeidelbergMagnitude 5 ist eigentlich nicht besonders eindrucksvoll für ein Erdbeben, trotzdem hält das Beben in der Nacht zu Mittwoch jetzt die Welt in Atem. Es ist der vierte bekannte Atombombentest der Volksrepublik Nordkorea, und nach Angaben des international isolierten Staates eine bedeutende Neuerung: Angeblich explodierte unter den Bergen im Nordosten des Landes eine Wasserstoffbombe – statt aus Kernspaltung bezieht sie ihre Energie aus der Fusion der Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium. So erreicht sie ein Vielfaches der Sprengkraft einer normalen Atombombe.

Binnen kurzer Zeit bezifferten geowissenschaftliche Institute in den USA und China die Stärke des Bebens auf 5,1 beziehungsweise 4,9 und bestätigten, dass es sich vermutlich um eine unterirdische Explosion handelte. Erdbeben dieser Stärke kommen auf der Welt zu Hunderten vor, doch die Signatur der Erschütterungen unterscheidet sich je nach Ursache.

Kernwaffen

Atombombe

Als ihr wichtigster „Vater“ gilt der Amerikaner Robert Oppenheimer. Die ersten Atombombenexplosionen am 6. August 1945 in Hiroshima und drei Tage später in Nagasaki beendeten den Zweiten Weltkrieg in Asien.

Atombomben werden mit radioaktivem Plutonium oder Uran hergestellt. Die Kettenreaktion bei ihrer Explosion setzt Energie als Hitze, Druck und Strahlung frei.

In kurzer Zeit können Atomwaffen hunderttausende Menschen töten und ganze Landstriche verwüsten. Die radioaktive Strahlung verursacht gesundheitliche Langzeitschäden. Bei den Abwürfen auf japanische Städte geht man von zusammen rund 330.000 Toten aus.

Wasserstoffbombe

Die Wasserstoff-Bombe wurde unter Leitung von Edward Teller in den USA entwickelt und erstmals 1952 auf einem Atoll im Pazifik gezündet. Ihre Sprengkraft ist um ein Vielfaches stärker als die einer Atombombe.

Die H-Bombe setzt Energie aus einer unkontrollierten Kernverschmelzung (Fusion) frei. Dabei verschmelzen unter anderem Deuterium und Tritium, schwere Isotope des Wasserstoffs, zu Helium.

Zur Zündung des Fusionsgemischs sind mehr als 100 Millionen Grad erforderlich. Deshalb enthält eine H-Bombe als Zünder eine Atombombe.

Neutronenbombe

Neutronenwaffen vernichten Lebewesen, richten aber nur vergleichsweise geringe Materialschäden an. Beruht die Wirkung herkömmlicher Atomwaffen vor allem auf der Druck- und Hitzewelle, geben Neutronenwaffen den größten Teil ihrer Energie in Form harter Neutronenstrahlung ab.

Die Strahlung führt je nach Intensität innerhalb von Minuten bis Wochen zum Tod. Gebäude oder Panzer bleiben dagegen unversehrt.

Der Fallout der 1958 von dem Amerikaner Samuel Cohen entwickelten Waffe ist gering: Einen Tag nach der Explosion kann das betroffene Gebiet gefahrlos betreten werden.

Auch eine Atombombenexplosion hat ihr charakteristisches Muster: Sie erzeugt wesentlich stärkere sogenannte P-Wellen, während für Erdbeben S-Wellen typischer sind. Zusätzlich stammten die seismischen Wellen aus der Umgebung eines von früheren Versuchen bekannten Atomtestgeländes.

Mit der Explosion hat Nordkorea wieder einmal UN-Resolutionen verletzt und die Nachbarn in Aufruhr versetzt – doch eine zentrale Frage kann man bisher nicht mit letzter Sicherheit beantworten: Ist das Land technisch weiter als bei seinem letzten Atomtest im Jahr 2013? Anders gefragt: Explodierte in Nordkorea tatsächlich eine Fusionsbombe?

Schon kurz nach der Erfolgsmeldung kamen erste Zweifel an den Angaben Nordkoreas auf. Fachleute vermuten, dass die Angaben des Landes schlicht nicht stimmen.

Tatsächlich lieferten die bisher bekannten Daten bereits Indizien, dass die offizielle Erfolgsmeldung nicht die ganze Wahrheit ist: Die aktuelle Explosion setzte wohl nicht wesentlich mehr Energie frei als der letzte nordkoreanische Atomtest im Jahr 2013.

Fachleute sehen dafür mehrere mögliche Erklärungen. Dass Nordkorea tatsächlich – wie theoretisch möglich – eine extrem kleine thermonukleare Waffe mit der Sprengkraft einer normalen Atombombe gebaut hat, schließen Experten fast rundum aus: Eine kleine Waffe zu bauen gilt als wesentlich komplizierter als eine große. Wenn es sich aber tatsächlich um eine vollwertige Wasserstoffbombe handelte, explodierte sie womöglich nicht wie vorgesehen.

Vermutlich aber zündete das Land lediglich eine gewöhnliche Atomwaffe, die unter Umständen mit kleinen Mengen Fusionsbrennstoff angereichert war. Dieser Zusatz erhöht den Anteil des in der Explosion gespaltenen Brennstoffes und damit auch die freigesetzte Energie.

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