Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.08.2013

13:37 Uhr

Spurensuche

So lassen sich Chemiewaffen nachweisen

Die Welt wartet auf die Ergebnisse der UN-Untersuchungen in Syrien. Sollten Chemiewaffen eingesetzt worden sein, könnten sie vor Ort wohl nachgewiesen werden. Schwieriger ist die Frage nach den Verantwortlichen.

UN-Beobachter versuchen die Hintergründe des mutmaßlichen Chemiewaffen-Einsatzes in Syrien zu ermitteln. dpa

UN-Beobachter versuchen die Hintergründe des mutmaßlichen Chemiewaffen-Einsatzes in Syrien zu ermitteln.

Trotz der mehrtägigen Verzögerung bei der Untersuchung der jüngsten Chemiewaffen-Vorwürfe gegen die syrische Regierung könnten die UN-Experten vor Ort durchaus noch Spuren von chemischen Kampfstoffen finden. Denn der Einsatz von Chemiewaffen, wie er jetzt vermutet wird, ist auch über einen längeren Zeitraum hinweg nachweisbar.

Das Nervengas Sarin etwa lässt sich auch nach Tagen noch im Boden oder in den Überresten explodierter Munition nachweisen. Bei schwer vergifteten Menschen könnten Spuren von Sarin noch bis zu sechs Wochen später in Körperflüssigkeiten wie Blut oder Urin nachgewiesen werden, so der Toxikologe Alastair Hay von der britischen Universität Leeds.

Expertengespräch über Giftgas-Inspektionen

Wie kann man Chemiewaffen vor Ort eigentlich nachweisen?

„Wenn man einen Kampfstoffeinsatz nachweisen will, dann muss man den Stoff irgendwie finden. Das heißt, man muss Proben nehmen und man muss sie analysieren lassen und schauen, ob man in diesen Proben Kampfstoffspuren oder Abbauprodukte von Kampfstoffen findet.“

Stefan Mogl (48), Experte für chemische Waffen beim Schweizer Bundesamt für Bevölkerungsschutz, im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Wovon genau nehmen die Inspekteure Proben?

„Man kann zwei Gruppen unterscheiden. Klinische Proben sind Proben von exponierten Personen. Von Überlebenden würde man Urinproben oder Blutproben nehmen. Man kann auch von Verstorbenen gewisse Proben nehmen. Diese biomedizinische Analytik ist eine Spur anspruchsvoller als die Analytik von Umweltproben. Das ist dann die zweite Gruppe, Umweltproben ist ein Überbegriff für so ziemlich alles, was mit dem Kampfstoff in Berührung hätte kommen können. Bodenproben von der Einschlagstelle der Munition, Wischproben vom Munitionskörper, Kleidungsstücke von exponierten Personen oder Oberflächenproben aus Räumen.“

Können die Proben vor Ort untersucht werden?

„Generell wären die Inspektoren imstande, auch vor Ort eine gewisse Analytik durchzuführen. Ich würde im vorliegenden Fall davon ausgehen, dass das Team nur dazu vorbereitet ist, die Proben zu verpacken und direkt zu versenden. Das wäre viel zu kompliziert und vielleicht auch zu gefährlich, das vor Ort machen zu wollen.“

Kann man auch herausfinden, wer die Kampfstoffe verwendet hat?

„Generell ist es sicher nicht einfach, eine Schuldzuweisung zu machen. Der erste Schritt wird sein, herauszufinden, ob ein Kampfstoff eingesetzt wurde oder nicht. Wenn man die Bestätigung hat, dann muss man versuchen, das über die Munition, über Gefechtsbeobachtung zu etablieren. Aus welcher Richtung wurde geschossen? Aus welchem Gebiet kam die Munition? Wer hatte die Möglichkeit, diese Munition zu schießen? Aber das ist wahrscheinlich nicht einfach. Es kommt sehr auf die Munition an - wenn man welche findet.“

Wie schnell kann man mit Ergebnissen rechnen?

„Ich würde schon mindestens eine Woche veranschlagen, damit man auch eine umfangreiche, seriöse Analytik durchführen kann. Die ersten Resultate sind vielleicht sehr schnell da, aber ich denke mal, dass sich jedes Labor, das mit solchen Proben bedient wird, ganz genau absichern wird, dass die Analysen voll verlässlich sind. Aber das ist Spekulation. Bei uns im Labor würde es ein paar Tage dauern.“

Es gibt Bedenken, dass Beweise vernichtet längst sind. Ist das möglich?

„Gerade bei den Umweltproben ist es entscheidend, dass die Inspekteure an den Ort kommen, wo die Munition wirklich angekommen ist. Wenn sie freies Geleit haben und dort hinkommen, wo die Munition auch eingeschlagen ist, dann kann man das noch nachweisen.“

Und wie sieht es mit klinischen Proben von Menschen aus?

„Die Spitäler kennen das mittlerweile ja auch, die haben wahrscheinlich schon Proben sichergestellt von Patienten. Man kann natürlich im Nachhinein immer behaupten, jemand hätte den Proben noch etwas hinzugefügt. Wenn sie nichts finden in der Probe, dann ist die Sache einfach. Aber wenn sie eine Probe analysieren und es war etwas drin, dann muss man lückenlos beweisen, dass die Proben durch eine unabhängige Organisation genommen und dann versiegelt wurden. Sonst bleibt immer die Möglichkeit, dass jemand behaupten kann, diese Probe sei manipuliert worden.“

Sarin ist ein Nervengift, das schon in kleinsten Mengen tödlich wirkt. Es kann sowohl über die Atmungsorgane wie auch über die Haut oder die Augen aufgenommen werden. Im Körper verursacht es eine Störung der Signalübertragung zwischen Nervenzellen, was eine Dauererregung aller Nervensysteme bewirkt, die letztlich zum Tod führt.

Da Sarin farb- und geruchlos ist, bemerken Opfer den Kontakt mit dem Gift zunächst nicht. Eine wirksame Behandlung von Vergifteten ist kaum möglich, die Zahl der Todesopfer bei einem Angriff mit Sarin deshalb meist sehr hoch.

Schon vor dem mutmaßlichen Großeinsatz von Giftgas in der vergangenen Woche sind mehr als ein Dutzend konkrete Verdachtsfälle für den Einsatz von Giftgas in Syrien bekanntgeworden. Frankreich, die Türkei und die USA haben nach eigenen Angaben Belege dafür, dass unter anderem Sarin eingesetzt wurde.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Steinweg

27.08.2013, 14:10 Uhr

Da , wo das Sarin sich befindet, muessen doch jede Menge Leichen liegen. Kontaminiert, wie die sind, kann man sie ja am Orte nur liegen lassen.

never_ever

27.08.2013, 14:30 Uhr

"Das Regime von Präsident Baschar al-Assad hat den Besitz von Giftgas indirekt eingeräumt, allerdings ohne Einzelheiten zu nennen. Es unterstellt den Aufständischen, sie hätten sich inzwischen ebenfalls Chemiewaffen beschafft." (Zitat im Artikel)


Ein User schrieb gestern im Kommentarbereich:

Syrische Armee fand Giftgasfabrik der Terroristen

Einar Schlereth
26. August 2013

Die 'Voice of Russia' berichtete gestern, dass die syrische Armee in einem Vorort von Damaskus ein Lager mit chemischen Materialien gefunden haben. Voice of Russia führte ein Exklusivinterview mit der Journalisten Yara Saleh, die für den syrischen Informationskanal Al-Ihbariya arbeitet. Sie hat zusammen mit anderen Journalisten den Platz besichtigt und berichtete, dass das Lager gleichzeitig ein Laboratorium war, in dem Granaten mit giftigen Chemikalien gefüllt wurden. Das Lager befand sich in einem Tunnel im Vorort Jobar von Damaskus.


Warum findet man den Hinweis nicht in den hiesigen Medien ??

LeBaron

27.08.2013, 18:53 Uhr

Manchmal sind die Überschriften so blöd, dass man gar nicht weiterlesen muss. Die Frage ist nicht ob Chemiewaffen eingesetzt wurden, sondern wer sie einsetzte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×