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27.01.2005

08:45 Uhr

Statoil baut vor der norwegischen Küste eine automatische Anlage für die Gasförderung auf dem Meeresgrund

Ölmultis setzen auf Unterwasserfabriken

VonThomas Wiede (Handelsblatt)

Auf der Suche nach neuen Förderstätten dringen die Ölkonzerne in immer größere Meerestiefen vor. Sie operieren in Bereichen von 300 bis 2 000 Metern – Exxon-Mobil, der größte börsennotierte Ölkonzern der Welt, hat bereits Lizenzen für eine Tiefe von 3 000 Metern erworben. Der Trend zum Meeresgrund wird von einschneidenden technischen Innovationen begleitet: Die Firmen verlagern immer größere Anteile ihrer Produktionsanlagen unter Wasser.

HB DÜSSELDORF.Dort entstehen vollautomatische Fabriken. Experten schätzen: Die großen Bohrplattformen könnten bald ausgedient haben.

Die Tiefsee boomt, so wie es Bestseller-Autor Frank Schätzing in seinem maritimen Thriller „Der Schwarm“ beschreibt. Dabei weiß der Mensch über den Meeresboden weniger als über das Weltall. „Rund die Hälfte der Erdoberfläche liegt tiefer als 3 500 Meter“, sagt Peter Linke, Leiter der Tiefseeinstrumentierung am renomtierten Geomar-Institut in Kiel. Aber: Nur rund fünf Prozent dieser Regionen sind bisher kartiert. „Oft kennen wir uns nur so weit aus, wie das Scheinwerferlicht unserer Tauchboote reicht“, sagt Linke. Darüber, welche Risiken dort für die Umwelt – aber auch für die Installationen der Industrie mittelfristig lauern –, ist wenig bekannt.

Die Ölkonzerne schreckt das nicht. Ob vor den Küsten Angolas, Brasiliens, im Golf von Mexiko oder vor Norwegen: Die so genannte Off-shore-Förderung entwickelt sich rasant. Eines der ehrgeizigsten Projekte betreibt der norwegische Ölkonzern Statoil. Etwa 140 Kilometer vor der norwegischen Küste setzt Statoil für rund sechs Mrd. Euro eine vollautomatische Gas-Förderanlage in 300 Metern Tiefe auf den Meeresgrund. Eine Plattform über Wasser ist beim Snohvit-Projekt nicht mehr erforderlich: Eine Pipeline leitet das Gas an das Festland nach Hammerfest, wo es für den Transport per Schiff verflüssigt wird. Im Jahr 2006 soll die Produktion beginnen.

„Die vollautomatische Anlage hat einen großen Vorteil“, sagt Eric Ulland, ein Statoil-Manager, der an der Entwicklung der Unterwassertechnologie arbeitet. Früher musste der Konzern, der hinter Petrobras zu den führenden Untersee-Förderern in der Welt zählt, zunächst eine Plattform mit der dazu gehörigen Infrastruktur errichten und konnte erst dann mit der Bohrung beginnen. „Bei Snohvit arbeiten wir parallel. Das spart Zeit und Kosten“, sagt Ulland. Während eine schwimmende Plattform Bohrungen vornimmt, entsteht der Rest der Anlage auf dem Meeresboden und an Land. Vom Startschuss des Projektes bis zu dem Tag, an dem das erste Gas fließt, vergehen nur noch maximal 36 Monate. Bei älteren Anlagen waren es bis zu sechs Jahren.

Nicht nur die Zeitersparnis senkt die Kosten: Um ein Projekt wie Snohvit mit herkömmlichen Bohrplattformen zu bewältigen, wären 1 800 Arbeiter auf See und weitere 1 500 an Land nötig, rechnet Statoil vor. Snohvit lässt sich mit nur 170 Leuten an Land kontrollieren. Ähnliche Anlagen könnten auch in tieferen Meeresregionen installiert werden: „Statoil aber auch Konkurrenten wie Norsk Hydro oder Shell sehen darin die Zukunft“, sagt Ulland. Bei einer Tiefe von 3 000 Metern sei aber eine Grenze erreicht.

Bau und Wartung der Unterwasserfabriken kann der Mensch jedenfalls nicht mehr leisten. Die Anlagen werden von Robotern auf dem Meeresgrund zusammengesetzt. Programmierte „Automatic Underwater Vehicles“ (AUV) überwachen sie dann selbstständig.

Die Robotik für den Einsatz unter Wasser hat eine rasante Entwicklung durchgemacht. Die Techniker der Ölkonzerne arbeiten inzwischen eng mit der US-Weltraumbehörde Nasa zusammen. „Der Trend lässt sich nicht stoppen und ich habe einen großen Respekt vor der Ingenieurleistung der Industrie“, sagt der Tiefseeexperte Linke.

Dennoch haben die Wissenschaftler mit Blick auf die Unterwasserfabriken leise Zweifel. „Der Meeresboden ist eine unbekannte Welt“, sagt Linke nachdenklich. Er selbst hat erst vor kurzem eine Expedition in die Barents See unternommen. Dort haben die Forscher einen riesigen Unterwasserkrater untersucht. „Wir wussten bisher nichts von seiner Existenz“, so der Wissenschaftler. Über seine Entstehung und was sich unter ihm verbirgt gibt es bisher auch nur Vermutungen. Eines ist aber sicher: Er ist nicht weit vom Snohvit-Projekt entfernt.

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