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30.12.2016

12:19 Uhr

Süchtig nach Opioiden

Gefangen in der Schmerzmittel-Wolke

Die Katastrophe rollt seit Jahren heran, aber niemand hat sie sehen wollen: In den USA sind Millionen Menschen süchtig nach starken Schmerzmitteln. In manchen Gebieten wurde bereits der medizinische Notstand ausgerufen.

Der Sänger starb an einer Überdosis des synthetischen Opioids. dpa

Fentanyl-Opfer Prince

Der Sänger starb an einer Überdosis des synthetischen Opioids.

WashingtonEine Sucht geht um in den USA – lange Zeit kaum beachtet, doch mit fataler Wirkung. Sie hüllt die Abhängigen in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls, der nur schwer wieder zu entrinnen ist. Der Überdosis-Tod von Pop-Ikone Prince in diesem Sommer warf ein Schlaglicht auf die Epidemie, die das Leben von Millionen Amerikanern zerstört und sich immer weiter ausbreitet: die Abhängigkeit nach opioidhaltigen Schmerzmitteln.

„Wir sagen jedes Jahr, schlimmer kann es eigentlich nicht werden. Doch bis wir hier eine Trendumkehr schaffen, wird es noch lange Zeit dauern“, sagt Caleb Alexander, Co-Direktor des Johns Hopkins Center für Medikamentensicherheit. Offiziellen Zahlen zufolge waren 2014 etwa zwei Millionen Amerikaner süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten.

Die Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen extrem schnell abhängig. Daneben waren rund 600.000 Menschen heroinsüchtig. Weitere 2,5 Millionen Menschen nehmen Schmerzmittel langfristig auf Rezept ein, wie eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab; hier ist die Grenze zwischen Abhängigkeit und Missbrauch fließend.

Die Situation in Deutschland

Kaum belastbare Zahlen

Zum Thema Opioid-Sucht liegen in Deutschland kaum Zahlen vor. Laut „Jahrbuch Sucht 2016“ sind schätzungsweise 1,9 Millionen Menschen in Deutschland arzneimittelabhängig, etwa 1,5 Millionen davon nehmen Schlaf- und Beruhigungsmittel. Besonders betroffen sind ältere Frauen.

Immer mehr starke Opioide

Konkret zu Schmerzmittel-Abhängigkeit in Deutschland gibt es keine Zahlen. Allerdings steigt der Gebrauch starker verschreibungspflichtiger Opioide seit Jahren an.

Trend geht zur Langzeitanwendung

Immer mehr Rezepte werden hierzulande für eine Langzeitanwendung ausgestellt. Im Jahr 2006 waren noch 19 Prozent der Opioid-Verschreibungen Langzeitverschreibungen. Vier Jahre später lag der Anteil bei 21 Prozent.

All das hat fatale Folgen: Fast 19.000 Menschen starben nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC im Jahr 2014 an einer Überdosis dieser Schmerzmittel – vor allem in ärmeren, ländlichen und weißen Gebieten der USA. 10.000 Todesopfer kamen durch Heroin dazu.

Der Einstieg in die Sucht ist in vielen Fällen ein unbedacht verschriebenes Schmerzmittel, beispielsweise nach einer Weisheitszahn-Operation. Manch einer kommt von dem Wohlfühl-Nebel und dem angstfreien „Alles-Egal-Gefühl“, das die Medikamente vermitteln, dann nicht mehr los.

In den 90er Jahren wurden die starken Schmerzmittel recht freizügig verordnet. Dann setzte ein Schneeballeffekt ein. Immer mehr Menschen, oft in instabilen Lebensverhältnissen, suchten den Wohlfühl-Kick. Ärzte lernen erst seit einigen Jahren, welchen Geist sie da aus der Flasche gelassen hatten.

50 Überdosen pro Tag

Für einen Teil der Betroffenen folgt auf die Arzneien dann Heroin, denn die illegale Droge ist oft billiger zu bekommen als die verschreibungspflichtigen Schmerzmittel. Daneben sind noch stärkere, synthetische Opioide ein großes Problem – etwa das Medikament Fentanyl, das 50 Mal stärker als Heroin ist. Prince beispielsweise starb an einer Überdosis Fentanyl. Oft wird es in China oder Mexiko produziert und ins Land geschleust oder via Internet bestellt.

Manche Süchtige greifen inzwischen sogar zu Mitteln, mit denen sonst Elefanten betäubt werden: Carfentanil, 100 Mal stärker noch als Fentanyl, lässt derzeit die Überdosis-Raten im ländlichen Ohio sprunghaft ansteigen. „Statt vier oder fünf Überdosen pro Tag haben wir nun 20, 30, 40, manchmal 50 Überdosen“, berichtet Polizist Tom Synan aus dem betroffenen Bezirk in Ohio. Auch Virginia hat deshalb jetzt einen Gesundheitsnotstand verhängt.

Andere Abhängige betreiben Doktor-Hopping, versuchen irgendwie an Rezepte und Pillen zu gelangen – notfalls auch über Familienmitglieder: Ein TV-Spot zeigt einen alten Mann vor dem Badezimmer-Schrank beim Griff nach den Schmerztabletten. Plötzlich ist statt des Mannes das Spiegelbild der Teenager-Enkelin zu sehen, die die Pillen schluckt. „Wissen Sie, wer Ihre Schmerzmittel nimmt?“, fragt eine Stimme.

Kommentare (1)

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30.12.2016, 12:43 Uhr

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