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15.01.2014

11:59 Uhr

Themenwoche Landwirtschaft

Marktreife Mutanten

VonSascha Karberg

Befürworter und Gegner der grünen Gentechnik liefern sich seit Jahrzehnten erbitterte Grabenkämpfe. Wissenschaftler und Unternehmen sind dagegen längst einen Schritt weiter: Sie entwickeln Alternativen. 

Gentechnisch verändertes Gemüse: Weil Verbraucher solche Lebensmittel ablehnen, versuchen Forscher auf anderen Wegen, Mutationen zu erzeugen. dpa

Gentechnisch verändertes Gemüse: Weil Verbraucher solche Lebensmittel ablehnen, versuchen Forscher auf anderen Wegen, Mutationen zu erzeugen.

BerlinFür oder gegen gentechnisch veränderte Pflanzen? Für Züchtungsunternehmen, die die zukünftigen Pflanzensorten entwickeln, stellt sich diese Frage nicht. Denn selbst wenn sie keine Bedenken gegen gentechnisch veränderte Pflanzen oder gentechnisch veränderte Organismen (GVO) haben, müssen sie den Markt bedenken, auf dem sich neue Sorten behaupten müssen. Und europäische Verbraucher lehnen GVO nun mal ab, eine Marktrealität, an der kein Unternehmen vorbeientwickeln kann.

Die niedersächsische Bioplant setzt deshalb auf moderne, aber gentechnikfreie Zuchtmethoden für ihre ganz speziellen Kartoffelknollen. Die sogenannte HAP-Kartoffel (für „High-Amylopektin“) enthält fast nur noch eine Stärke, eben das Amylopektin. Die in normalen Knollen reichlich vorhandene Amylose-Stärke fehlt dagegen fast vollständig. Gut für die Stärke-Industrie, die bislang die unerwünschte Amylose in kostspieligen, weil energie- und wasserzehrenden Arbeitsschritten entfernen muss.

EU-Gericht: Verkauf der Genkartoffel „Amflora“ verboten

EU-Gericht

Verkauf der Genkartoffel „Amflora“ verboten

Das EU-Gericht verbietet den Anbau und Verkauf von BASFs Gentechnik-Kartoffel „Amflora“. Bei der Entscheidung ein Gutachten der EFSA berücksichtigt. Allerdings hat die Kommission die Verfahrenspflichten verletzt.

Vergleichbares konnte vorher nur eine Kartoffelsorte leisten – die per Gentechnik entstandene Amflora von BASF. Die hatte nach 15 Jahren Streit zunächst zwar eine Zulassung zum EU-weiten Anbau bekommen, war im vergangenen Dezember jedoch aufgrund eines Verfahrensfehlers wieder gestoppt worden. Vergleichbare Querelen sind mit der gentechnikfreien HAP-Kartoffel nicht zu erwarten.

Doch der Verzicht auf Gentechnik hat auch seine Schattenseiten: Klassische Zuchttechniken sind von zufälligen Mutationen der Kulturpflanze abhängig und können sehr lange dauern. Und Knollen, die zufällig nur Amylopektin enthielten, hatten Kartoffelzüchter bislang noch nie entdeckt. Womit sollte Eckhard Tacke, Forschungsleiter von Bioplant, also eine Zucht starten?

Der Wissenschaftler rief seine ehemaligen Forscherkollegen Dirk Prüfer und Jost Muth zu Hilfe, mit denen er am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung gearbeitet hatte. „Wir fragten uns damals, ob es möglich ist, so eine Kartoffel per chemischer Mutagenese nachzubauen“, erzählt Prüfer vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME. Als Mutagenese bezeichnen Forscher die gezielte Erzeugung von Mutationen im Erbgut von Lebewesen.

Die Mutationen auslösende Chemikalie EMS (Ethylmethansulfonat) sollte ein Gen namens gbssI stilllegen, ohne das in der Kartoffelknolle keine Amylose entsteht. So der Plan. „Aber wir konnten uns kaum vorstellen, dass wir die Funktion des gbssI-Gens tatsächlich ausschalten könnten“, räumt Prüfer ein. Denn mit der EMS-Chemikalie lässt sich nicht auf ein bestimmtes Gen zielen. Es ist eher, als würde man mit verbundenen Augen 30.000 Gummibärchen in die Luft werfen und darauf hoffen, mit einem Schuss aus der Schrotflinte den einzigen roten Gummibär zu treffen.

Natürlich steigt die Wahrscheinlichkeit, je mehr Schrot, also chemisches Mutagen, man einsetzt. Doch dann werden zu viele Gene im Erbgut getroffen und die Pflanzen leiden oder entwickeln sich überhaupt nicht mehr, sagt Muth. Also blieb den Forschern nichts anderes übrig, als möglichst vielen Kartoffelsamen mit wohldosierten EMS-Dosen zu beschießen – denn statistisch mussten sie das gbssI-Gen ja irgendwann treffen.

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