Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2017

11:02 Uhr

Todesarzt von Auschwitz

Mediziner lernen an Mengeles Knochen

In Auschwitz war er als Todesarzt berüchtigt, er schickte Menschen in die Gaskammern und führte grausame Experimente durch. Jetzt dienen die Gebeine von KZ-Arzt Josef Mengele als Lehrmaterial für Rechtsmediziner.

Am Rechtsmedizinischen Institut im brasilianischen São Paulo lernen Mediziner mit Hilfe der Gebeine des KZ-Arztes. AP

Mengeles Schädel

Am Rechtsmedizinischen Institut im brasilianischen São Paulo lernen Mediziner mit Hilfe der Gebeine des KZ-Arztes.

São PauloMehr als 30 Jahre lang lagerten die Gebeine von NS-Verbrecher Josef Mengele in einem blauen Plastiksack im Rechtsmedizinischen Institut im brasilianischen São Paulo. Dann bat der Arzt Daniel Romero Munoz – Leiter des Teams, das 1985 die sterblichen Überreste identifizierte – um die Genehmigung, die Knochen in seinen forensischen Vorlesungen zu nutzen.

Seine Schüler studieren sie nun und verbinden ihre Erkenntnisse mit der Lebensgeschichte des KZ-Arztes, der als „Engel des Todes“ im Todeslager Auschwitz berüchtigt war. „Die Gebeine werden helfen zu lehren, wie man die Überreste eines Menschen untersucht und dann diese Informationen mit Daten in Dokumenten über diese Person abgleicht“, erläutert Munoz.

Mengele, der während der Nazi-Zeit entsetzliche Experimente an KZ-Häftlingen vorgenommen und Tausende Menschen in Auschwitz in die Gaskammern geschickt hatte, starb vor fast vier Jahrzehnten. Er ertrank vor der Küste des brasilianischen Bundesstaates São Paulo.

Mengeles Leben auf der Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg machten seine Gebeine zu einem nützlichen Lehrinstrument, formuliert es Munoz. „Als wir seine Überreste untersuchten, entdeckten wir zum Beispiel eine Fraktur am linken Becken“, sagt der Mediziner. Aus alten Unterlagen gehe hervor, dass er sich die Verletzung bei einem Motorradunfall in Auschwitz zuzogen habe.

Mit Mengeles Schädel in der Hand weist Monoz auch auf ein kleines Loch im linken Wangenknochen hin – Folge einer Langzeit-Entzündung der Nasennebenhöhlen. Munoz zufolge schilderte das deutsche Ehepaar Bossert, das dem Verbrecher in Brasilien Unterschlupf gab, in polizeilichen Vernehmungen, dass Mengele oft an Zahnabszessen gelitten und diese mit einer Rasierklinge behandelt habe.

Cyria Gewertz ist eine heute 92-jährige Holocaust-Überlebende. „Ich weiß nicht, was ich fühle“, sagte sie über die Studien an Mengeles Gebeinen. „Ich habe schon zu viele schmerzhafte Erinnerungen an ihn, was er mir und anderen in Auschwitz angetan hat. Das sind Erinnerungen, die ich nicht ausradieren kann.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×