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21.01.2005

09:45 Uhr

Transplantate für die Wundheilung

Haut aus dem Labor

VonAlexander Freisenberg

Neue Hoffnung für Patienten mit schlecht heilenden Wunden: Ein Biotech-Verfahren namens Epidex soll auch hartnäckig offene Stellen zuverlässig verschließen. Den Patienten werden dabei einige Haare am Hinterkopf ausgezupft – das ist der Grundstoff für ein Hauttransplantat, das innerhalb weniger Wochen gezüchtet und dann vom Facharzt auf die Wunde aufgetragen werden kann.

Wundbehandlung mit Epidex sowie eine mikroskopische Aufnahme des Hautersatzes. Foto: Epidex

Wundbehandlung mit Epidex sowie eine mikroskopische Aufnahme des Hautersatzes. Foto: Epidex

HB KÖLN. Rund 500 Patienten sind nach Angaben des Leipziger Epidex- Herstellers Euroderm vor allem in Studien und Tests bereits mit der gezüchteten Haut behandelt worden. Das Ergebnis: „Auch bei Patienten, die schon seit langer Zeit mit offenen Wunden leben mussten und bei denen schon alle anderen Heilungsversuche fehlgeschlagen waren, gab es eine Heilungsquote von mehr als 80 Prozent“, sagt Andreas Emmendörffer, Geschäftsführer von Euroderm.

Grundlage des komplexen Epidex-Verfahrens sind Kopfhaare des Patienten. An den Haarwurzeln sitzen die nötigen Stammzellen, aus denen in vier bis sechs Wochen Hautscheiben gezüchtet werden. Aus 30 Haaren kann Haut entstehen, mit der eine Fläche von rund zehn Quadratzentimetern abgedeckt werden kann. Mit der gleichen Technik stellt das Unternehmen auch Haut für die Forschung her. Interessant ist diese Option unter anderem für Kosmetikhersteller. Denn Tests mit der gezüchteten Haut können Tierversuche ersetzen.

Ein Konkurrenzverfahren zu Epidex ist das vom Unternehmen Biotissue entwickelte Bioseed-Verfahren. Dabei handelt es sich ebenfalls um einen körpereigenen Hautersatz zur Behandlung von schlecht heilenden Wunden. Bei der Bioseed-Technologie werden die Zellen aber nicht als vollständiges Transplantat, sondern quasi lose aus der Tube auf die Wunde des Patienten aufgetragen und dann mit Fibrin, einem biologischen Gewebekleber, fixiert.

Die herkömmliche Behandlungsweise bei schwer heilenden offenen Wunden ist die so genannte Spalthauttransplantation. Bei diesem operativen Eingriff entnimmt der Chirurg ein oft relativ großflächiges Hautareal vom Oberschenkel oder Hinterkopf des Patienten und transplantiert es auf die Wunde. „Bei dieser Behandlung ist ein stationärer Aufenthalt von etwa 10 bis 14 Tagen notwendig“, sagt Anke Hartmann, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Tissue Engineering an der Universitäts-Hautklinik Würzburg. Bei Epidex kann die Behandlung ambulant durchgeführt werden. Diese Vorteile bestätigt auch Thomas Hunziker vom Inselspital in Bern, der die Epidex-Technologie mitentwickelt hat. „Bei nur teilweisem Wundverschluss durch das Spalthautverfahren wird außerdem eine Wiederholung der Transplantation vom Patienten oft verweigert, vor allem wegen Schmerzen an der Entnahmestelle“, sagt der Medizinprofessor. Die Epidex-Behandlung hingegen könne mit aus gefrorenen Zellen nachgezüchteten Scheibchen ohne Mehraufwand für den Patienten wiederholt werden.

In der Regel schließe sich die Wunde aber nach einmaliger ambulanter Behandlung und einem Zeitraum von rund einem Monat vollständig, sagt Euroderm-Geschäftsführer Emmendörffer. Die Kosten für das Verfahren beliefen sich bei einem zehn Quadratzentimeter großen Areal auf 2 000 bis 2 500 Euro. „Teuer ist vor allem die Herstellung der Transplantate“, sagt Emmendörffer. Denn das Arzneimittelgesetz schreibe für die Produktion partikel- und keimfreie Reinräume vor, in denen nach bestimmten zertifizierten Verfahren gearbeitet werde. Weil der eigene Reinraum in Leipzig diesen erhöhten Anforderungen nicht mehr entsprach, arbeitet Euroderm bei der Herstellung der Biotech-Haut nun mit dem Stuttgarter Fraunhofer-Institutes für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) zusammen. Aus dem IGB-Reinraum sollen in diesem Jahr mindestens 100 Patienten – vor allem in Deutschland und der Schweiz – ihre Transplantate erhalten. Mittelfristig rechnet Euroderm mit bis zu 400 Patienten pro Jahr. Das sei aber nur ein Bruchteil des Potenzials. Wie sich die Nachfrage entwickelt, hängt vor allem davon ab, in welchem Umfang die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen. Während die Kassen in der Schweiz zu einer Kostenübernahme verpflichtet sind, laufen in Deutschland noch Verhandlungen mit den großen gesetzlichen Krankenkassen. Hier gebe es ermutigende Gespräche, sagt Emmendörffer.

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